Abfalltourismus : Der Tod lauert im Westmüll

Wer in der früheren DDR-Sonderdeponie Schönberg in Mecklenburg gearbeitet hat, stirbt eher an Krebs, hat eine Studie ergeben. Noch heute wird dort Müll aus ganz Europa gelagert.

Dieter Hanisch[Lübeck]
Ihlenberg
Dreckiges Geschäft. Die Einlagerung von Müll geht auch nach der Wiedervereinigung weiter. -Foto: dpa

Es geht um die größte Giftmüllhalde in Europa. Die Sondermülldeponie Ihlenberg in Nordwestmecklenburg, besser bekannt unter dem Namen Schönberg, gibt es seit 30 Jahren. Die DDR hatte mit der Aufnahme von Abfall Devisen kassiert und die Deponie mitten ins Grenzsperrgebiet gelegt, das nur mit Sondergenehmigung betreten werden durfte. Jetzt hat ein Gutachten des Epidemiologen Bernd Hoffmann von der Uni Greifswald den Glauben an die Sicherheit der Anlage erschüttert: Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist für Beschäftigte auf der Müllkippe um 80 Prozent erhöht. Das Wirtschaftsministerium in Schwerin teilte mit, den Vorwürfen nachzugehen. Umweltschützer warnen vor der auf dem Ihlenberg gelegenen Deponie, die Betreiber warnen vor Panikmache.

Jahrelang rollte der Giftmüll über die innerdeutsche Grenze, auch das westeuropäische Ausland entledigte sich auf der Deponie seiner Altlasten. Nach der Wiedervereinigung wurden über die Treuhand die Besitzverhältnisse neu geregelt, die Mülleinlagerung ging unter Leitung der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG) weiter.

„Noch vor ein paar Jahren hat es hier je nach Windrichtung bestialisch gestunken“, sagt ein Schönberger Geschäftsmann. Von der Kleinstadt bis zum Ihlenberg sind es fünf Kilometer. Aber nicht jeder ist beunruhigt: „Eigentlich ist das hier kein Thema“, sagt die Bedienung in der Apotheke. Die Menschen würden sich mehr für Medikamentenpreise interessieren. Der frühere Bahnbedienstete Uwe Grimm dagegen ist nachdenklicher. Er kann inzwischen vom dritten krebsbedingten Sterbefall aus seinem Bekanntenkreis berichten – alle arbeiteten auf der Deponie. Der 73-Jährige erinnert sich an den Winter 1986/87, als er als Lokführer von vier Güterzügen verseuchtes Erdreich – dunkelgraue Schlacke und klumpige Brocken – von Hamburg nach Lübeck transportiert. Von dort brachten Laster die Fracht zur DDR-Deponie. Grimm sagt, die Masse sei aus der Schweiz und Frankreich vom Konzern Sandoz gekommen, wo sich zuvor ein Chemieunfall ereignet habe. In Lübeck beschwerten sich die Anwohner in Bahnhofsnähe über den Gestank. Grimm hat auch gehört, dass es unter Lkw-Fahrern zu Todesfällen gekommen sein soll. Das können Michael Partosch und Michael Siebig nicht bestätigen. Beide haben vor der Wiedervereinigung Giftmüll auf die Deponie gefahren. Jedoch berichten sie heute, dass die Beschäftigten oft ohne Schutzkleidung gearbeitet hätten. „Da wundern mich Erkrankungen nicht“, sagt Siebig.

Bernd Hoffmann und Stefan Weiß, Mitautor der Greifswalder Studie, weisen darauf hin, dass die Latenzzeit bei Krebs bis zu 30 Jahre dauern kann. Sie plädieren dafür, ihre Beobachtungsreihe fortzusetzen. Von 460 Beschäftigten, die von 1983 bis 2004 mit dem Müll gearbeitet haben, erkrankten 18 an Krebs, statistisch wären 10,3 Fälle zu erwarten gewesen. Krebserregende Stoffe wie Dioxin, Benzol und Vinylchlorid lagern auf dem Ihlenberg, in welcher Menge, wurde nie gemessen. „Um etwas zur Kausalität der Erkrankungen zu sagen oder Sachverhalte auszuschließen, müssten nun zusätzlich Toxikologen ran“, so Hoffmann. Im Krebsregister der näheren Deponieumgebung hat er keine Auffälligkeiten festgestellt.

IAG-Geschäftsführer Gerd-Jürgen Bruckschen will den Vorschlägen der Greifswalder Experten folgen, auch wenn er die Aufregung um die Studie für überzogen hält. Er sagt: „Es gibt bisher nur eine Auffälligkeit. Es ist nichts erwiesen.“ Das Unternehmen hat rund 150 Angestellte. Bruckschen verweist auf zwei Millionen Euro, die noch einmal in die Optimierung der Mülltrennung investiert werden sollen, und hebt das soziale Engagement der IAG für Sport und Altenhilfe hervor. Man habe nichts zu verbergen: „Regelmäßig kommen Besuchergruppen auf die Deponie.“

An der Bundesstraße 104 warten indes etliche Laster am IAG-Eingang. Die Bürgerinitiative „Stoppt die Deponie Schönberg e. V.“ hat Fahrzeuge aus Ungarn, Polen, Holland, Italien, Skandinavien oder Irland beobachtet, wie vor dem Fall der Grenze. „Aus Dublin wird Bodenaushub einer abgetragenen Glasfabrik angeliefert“, bestätigt Bruckschen. „Schluss mit dem Mülltourismus“, fordert Haat- Hetlef Uilderks von der Initiative und erinnert an die Worte von SPD-Ministerpräsident Harald Ringstorff von 1994: „Die Deponie ist eine Zeitbombe, deren Schicksal bis heute niemand kennt.“

Nach Auskunft von Gerd Lange, Sprecher des Wirtschaftsministeriums, findet nun eine Abstimmung mit der Umweltaufsicht, dem Gesundheitsminister und dem Arbeitsschutz statt. Für Anfang August ist der Deponiebeirat einberufen. Das Beratergremium wurde 2002 gebildet und setzt sich zusammen aus Vertretern der ministeriellen Aufsicht, Wissenschaftlern, Umweltschützern, Bürgerinitiative, Verwaltungsvertretern von Gemeinden und Städte sowie der IAG.

Während die FDP im Schweriner Landtag eine sofortige Reaktion zum Schutz der Deponiebeschäftigten fordert, ist Linksfraktionschef Wolfgang Methling gegen die Forderungen aus Schleswig-Holstein, die Deponie stillzulegen: Wegen der in den „letzten zehn Jahren erfolgten grundlegenden Maßnahmen zur Reduzierung beziehungsweise Vermeidung von Beeinträchtigungen der Luft, des Bodens und des Grundwassers“ wäre eine Schließung „weder ökologisch noch ökonomisch gerechtfertigt“. Genau das aber wollen die SPD-Landtagsfraktion in Kiel und die Grünen. Angelika Birk (Grüne) fordert, alle Brunnenmessergebnisse öffentlich zu machen. Lübecks Bürgerschaft ist auch für die Schließung. Umweltausschusschefin Barbara Scheel (SPD) sieht wegen des „hochgiftigen, unbehandelten Sondermülls auf durchlässigem Boden“ sogar „Menschenleben in Gefahr“.

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