Politik : Abgang eines Sonnenkönigs

Bremens Bürgermeister Scherf beansprucht für sich das „Menschenrecht auf ein Leben nach der Arbeit“

Eckhard Stengel

Bremen - Da sitzt er nun im Saal des Hotels „Strandlust“ und strahlt. „Ich bin total erleichtert – als ob ich ein Kind gekriegt hätte“, sagt Bremens Noch-Bürgermeister Henning Scherf und trampelt vor Freude mit den Füßen. Er hat gerade einen denkwürdigen Landesparteitag hinter sich: Das Zugpferd der SPD hat den Delegierten völlig überraschend offenbart, dass es den Karren nicht länger ziehen mag. „Ich will nicht mit den Füßen zuerst aus dem Rathaus getragen werden“, rief der fast 67-Jährige den sprachlosen Genossen zu.

Schon öfter hatte er das in den letzten sechs Jahren gesagt, aber dann hatte er immer wieder den Rückzug vom Rückzug angetreten. Nie schien der rechte Zeitpunkt für den Abgang gekommen. Er schreibt zwar an einem Buch übers Älterwerden, aber selber aufs Altenteil zu gehen, fiel ihm nach 27 Jahren in verschiedenen Senatsämtern einfach zu schwer.

Diesmal scheint er es ernst zu meinen. „Ich habe auch das Menschenrecht auf ein Leben nach der Arbeit", findet der populäre „Omaknutscher“. Aber warum gerade jetzt? Wegen der Bundestagswahl, sagt er. Obwohl Menschenfischer Scherf sich kaum im Wahlkampf engagiert hatte, kam die Bremer SPD auf 42,9 Prozent. Damit war klar: Jetzt darf er die SPD alleine lassen, erst 2007 wird die Bürgerschaft gewählt.

Eine Rolle spielte aber wohl auch, dass Familie, Freunde und manche Genossen ihn zum Absprung drängten. Vor allem der linke Flügel bemängelte seinen Schmusekurs gegenüber dem Koalitionspartner CDU und den eigenmächtigen Regierungsstil des Sonnenkönigs Henning der Große. Seit Jahren stehen mindestens zwei Nachfolgekandidaten abrufbereit: der frühere Werder-Manager und heutige Bildungssenator Willi Lemke (59) vom eher rechten Flügel und der eher linke Chef der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Jens Böhrnsen (56). Falls beide antreten, entscheidet eine SPD-Mitgliederbefragung – wie 1995, als Scherf den Auftrag zur Elefantenhochzeit erhielt.

Die beiden Landesparteichefs Carsten Sieling (SPD) und Bernd Neumann (CDU) gehen davon aus, dass das Bündnis auch ohne den Garanten Scherf weiter hält. Erst wenn der Nachfolger vereidigt ist, tritt der Bürgermeister in den Unruhestand. Der passionierte Pianist und Radfahrer will dann Orgelunterricht und Malkurse belegen und sich mehr Zeit für seine sechs Enkel und die sieben Mitbewohner seiner Hausgemeinschaft nehmen. Für politische Ämter steht er nicht mehr bereit, höchstens für überschaubare „Sonderaufträge“ – etwa den Vorsitz einer deutsch-namibischen Versöhnungskommission.

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