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Abgehörtes Telefonat auf Youtube : Timoschenko: Verdammte russische Hunde erschießen

Julia Timoschenko pöbelt auf einem Telefonmitschnitt gegen "russische Hunde", die samt ihres Anführers kalt gemacht werden müssten. Die Vaterlandspartei spricht vom Versuch Moskaus, ihre Spitzenfrau zu diskreditieren.

von und Nina Jeglinski
Julia Timoschenko
Julia TimoschenkoFoto: dpa

Im Machtkampf um die künftige ukrainische Präsidentschaft ist ein geheimer Mitschnitt eines Telefonats von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko aufgetaucht. Der Wirbel ist groß. In dem vermutlich vom russischen Geheimdienst FSB abgehörten Gespräch mit dem früheren Vizechef des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Nestor Schufritsch, soll die Politikerin der Vaterlandspartei unter anderem erklärt haben: "Ich würde all meine Beziehungen geltend machen, und die ganze Welt erheben lassen, damit von Russland nur ausgebrannter Boden übrig bleibt." Sie sei bereit, "eine Maschinenpistole in die Hand zu nehmen ... um diese Hunde samt ihres Anführers kalt zu machen." Den russischen Präsidenten Wladimir Putin erwähnt sie nicht namentlich - die Anspielung dürfte auch so klar sein.

Der Inhalt des Telefonats wurde zunächst von russischen Staatsmedien wie dem Auslandssender RT und der Nachrichtenagentur Ria Novosti verbreitet. Timoschenko bezog auf Twitter Stellung zum dem Telefonat. Demnach hat das Gespräch mit Schufritsch, einem langjährigen Weggefährten von Timoschenko, tatsächlich stattgefunden. Die veröffentlichte Fassung wurde nach ihren Angaben aber in einer zentralen Passage manipuliert. Dort geht es um die Frage, wie man mit den "acht Millionen Russen auf dem Territorium der Ukraine" umgehen sollte. Timoschenko habe dazu, so russische Medien, erklärt, gegen diese könne man nur mit Atomwaffen vorgehen. Timoschenko nennt diesen Teil des Gesprächs "eine Montage". Sie versichert: "Tatsächlich habe ich gesagt: Die Russen in der Ukraine sind auch Ukrainer." Dass sie Putin mit der Waffe "fertig machen" wolle, dementierte sie nicht.

Geführt worden ist das Telefonat am 18. März - von Berlin aus. Erst einen Tag später verließ Timoschenko die Charité, wo sie seit dem 7. März wegen ihrer chronischen Bandscheibenschmerzen in der Klinik in Behandlung gewesen war, und reiste wieder in die Ukraine.

Im Internet kursiert auch eine Fassung des Telefonats mit deutschen Untertiteln. Diese Worte Timoschenkos sind richtig übersetzt, wie der Sprachendienst des Bundestages auf Anfrage des Linken-Abgeordneten Andrej Hunko bestätigte. In der russischen Originalversion seien allerdings anstelle der Pieptöne Schimpfwörter verwendet worden. Nur einige Wiederholungen wurden demnach bei den Untertiteln nicht übersetzt. Hunko empörte sich über die "üblen Äußerungen" der ukrainischen Politikerin.

Russischer Geheimdienst hörte auch "Fuck the EU"-Zitat ab

Dass von interessierter Seite ein abgehörtes Telefonat verbreitet wird, ist nicht das erste Mal. Von Victoria Nuland, der Europa-Beraterin von US-Präsident Barack Obama, war das berühmte "Fuck the EU" an die Öffentlichkeit gelangt - ebenfalls wohl vom russischen Geheimdienst abgehört. Anfang des Monats ging es in einem heimlich abgehörten Telefonat zwischen dem estnischen Außenminister Urmas Paet und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton um bis heute nicht ausgeräumte Zweifel um die Verantwortung auf die Schüsse gegen Demonstranten auf dem Maidan in Kiew.

Bei der Veröffentlichung des "Fuck the EU"-Zitats von Nuland Mitte Februar war es der vom russischen Staat zu 100 Prozent finanzierte TV-Sender RT, der über das auf Youtube hochgeladene Video zuerst berichtete. Damals sollte die ukrainische Opposition diskreditiert werden. Nun, im Wahlkampf, ist nach Einschätzung von Beobachtern in Kiew Timoschenko an der Reihe. "Russland ist sich nicht zu schade, ein Telefonat alter Freunde auszuschlachten", schreibt die Zeitung "Komsomolskaja Prawda". In Kiew ist bekannt, dass Schufritsch,  Abgeordneter der Partei der Regionen, und die frühere ukrainische Ministerpräsidentin befreundet sind.

Kritiker spekulierten allerdings auch, dass der zunächst von russischen Staatsmedien aufgegriffene Mitschnitt ein Teil von Timoschenkos Wahlkampagne ist. Damit wolle sich die 53-Jährige, der immer wieder enge Bande mit Putin vorgeworfen werden, als Nationalistin beweisen und im antirussisch geprägten Westen des Landes Stimmen sammeln.

Vaterlandspartei: Timoschenko soll diskreditiert werden

Natascha Lysova, Pressesprecherin der Vaterlandspartei, sagte dem Tagesspiegel: "Was wir da sehen, ist ein neuer Versuch Julia Timoschenko zu diskreditieren." Es sei vollkommen klar, dass der russische Geheimdienst FSB hinter der Abhörung stecke. "Damit wollen sie im Vorfeld des Wahlkampfes nicht nur die Vorsitzende der Vaterlandspartei, sondern auch die Regierungsmitglieder unserer Partei unmöglich machen. Wir versuchen derzeit alles, damit die Ukraine ein souveränes Land bleibt und fordern, dass Putins aggressive Attacken aufhören."

Putin-Rede "faschistische Propaganda"

Timoschenko hatte bereits Mitte März in einem "Bild"-Interview sehr deutliche Worte gewählt. Nach dem umstrittenen Krim-Referendum sagte sie der Zeitung, die Putin-Rede nach der Abstimmung der Halbinsel sei "faschistische Propaganda". Der russische Präsident lege es darauf an, "die Welt zu zerstören" und wende dabei "Kriegsmethoden" an. Putin habe dem Westen die Botschaft vermittelt: "Ich schere mich einen Dreck um euch." Timoschenko kündigte an, die Ukrainer würden ihr Land "verteidigen, koste es, was es wolle".

Eine Kandidatur Timoschenkos bei der Präsidentschaftswahl am 25. Mai gilt als wahrscheinlich - auch wenn sie nicht mehr der unumstrittene Führungsfigur der ukrainischen Opposition ist. Auf gute Ergebnisse im Westen des Landes dürfen auch Vitali Klitschko, der Oligarich Pjotr Poroschenko und Nationalistenführer Oleg Tjagnibok hoffen. (mit dpa)

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