Abgeordnete : Wer es knapp schaffte - und wer nicht zum Zuge kam

Für so manchen Bundestagskandidaten auf einem unsicheren Listenplatz brachte erst die Veröffentlichung der Liste der Abgeordneten am Montag nach der Wahl Sicherheit. Andere, die sich in Sicherheit wähnten, wurden von Direktkandidaten verdrängt. Gewinner und Verlierer der Wahl.

BerlinBernd Siebert ist Opfer der Überhangmandate. Der schwergewichtige Nordhesse hatte fest mit einem Sitz im Bundestag gerechnet. Siebert war schließlich ein Promi der zweiten Reihe: verteidigungspolitischer Sprecher der Union, Chef der CDU-Landesgruppe Hessen, alter Kampfgefährte von Roland Koch, auf Platz 4 der Landesliste abgesichert. Doch es kam anders. Weil die CDU in Hessen insgesamt nicht besonders gut abschnitt, stünden ihr nach den Prozenten nur 14 Mandate zu. 15 CDU-Kandidaten eroberten ihren Wahlkreis aber direkt. So erfreulich für diese, so bedauerlich für Siebert: Die Landesliste kam nicht zum Zug, er hätte seinen Wahlkreis 171 gewinnen müssen. Auf seiner Homepage läuft immer noch die ahnungsvolle Laufschrift „Erststimme ist Siebert-Stimme“. Aber die Nordhessen wählen traditionell rot. Das war das Aus für Bernd Siebert. Andere bekannte CDU-Verlierer sind der Sozialpolitiker Andreas Storm und der Wirtschaftsexperte Laurenz Meyer.

Klaas Hübner hatte in seinem Wahlkreis in Sachsen-Anhalt keine Chance. Dabei hat der SPD-Politiker sich in der vergangenen Wahlperiode durchaus einen Namen gemacht: als Wirtschaftspolitiker sowie als einer der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises. Doch der 42-jährige Unternehmer, der vor vier Jahren seinen Wahlkreis noch problemlos direkt eroberte, musste dieses Mal zusehen, wie seine Konkurrenten von der CDU und der Linken sich ein knappes Rennen lieferten, während er selbst abgeschlagen auf Platz drei landete. Das Mandat ging an den Linken Jan Korte. Und Hübner ist nicht über die Landesliste abgesichert. Andere bekannte SPD- Verlierer sind die Familienpolitikerin Kerstin Griese und die Verteidigungspolitikerin Ulrike Merten.

Für Halina Wawzyniak hatte das Warten erst am Tag nach der Wahl ein Ende. Erst am Montagmorgen erfuhr die 36-jährige Linke, dass in Berlin überraschend der Listenplatz fünf zieht. „An alles habe ich geglaubt, aber dass er für den Einzug in den Bundestag reicht, nicht“, schreibt die Juristin aus Friedrichshain-Kreuzberg in ihrem Internet-Blog. Für ihr Mandat wird Wawzyniak, die auch stellvertretende Parteichefin der Linken ist, ihren bisherigen Job aufgeben müssen: Sie arbeitet bislang als Justiziarin der Bundestagsfraktion. Andere prominente Neulinge in der Fraktion sind die Kommunistin Sahra Wagenknecht und der Verdi- Funktionär Michael Schlecht.

In der Thüringer FDP ist er seit gut 20 Jahren so etwas wie der Hans-Dietrich Genscher der Bundespartei: das gute Gewissen. Peter Röhlinger, Tierarzt in der DDR, dann 16 Jahre Oberbürgermeister von Jena, seither strippenziehender Rentner. Und jetzt, mit 70, auf einmal Bundestagsabgeordneter in Berlin. Röhlinger gehört zu den 40 FDP-Abgeordneten, die zum ersten Mal in den Bundestag einziehen. Und ist allein wegen seines Alters eine Ausnahme. Denn die liberalen Neulinge sind mehrheitlich Mitte bis Ende 30, Rechtsanwälte, Studenten, IT-Berater und Architekten.

25 neue Abgeordnete haben die Grünen – die mussten sich am Dienstag, als die Fraktion zum ersten Mal nach der Wahl tagte, noch miteinander bekannt machen. Der linke Flügel ist stärker geworden, zu dieser Gruppe zählt etwa Frithjof Schmidt, langjähriger Vorsitzender der Partei in Nordrhein-Westfalen und bis zum Frühjahr Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Schmidt, enger Vertrauter des voraussichtlichen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin, wird zugetraut, nach Allianzen auch mit SPD und Linkspartei zu suchen. Das gilt als nicht unwichtig mit Blick auf die Landtagswahl 2010 in Nordrhein-Westfalen, wo es den Grünen um die Ablösung von CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers geht. Und auch wenn sich die Grünen am Sonntag endgültig von Joschka Fischer emanzipiert haben wollen – wenigstens einen engen Weggefährten von ihm haben sie im Parlament: Tom Koenigs, Jahrgang 1944, ist dabei, zuletzt unter anderem UN-Sondergesandter im Kosovo, in Guatemala und in Afghanistan. (asi/bib/ce/m.m.)

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