Politik : Abgestimmte Fragen, ausgeschlagene Zähne

Kritisches muss draußen bleiben: Wie in Russland eine Fernseh-Bürgerstunde mit Präsident Wladimir Putin organisiert wurde

Elke Windisch

Moskau - Während staatstreue Sender Zahlen und Fakten abspulten, welche die Nähe von Präsident Wladimir Putin zum Volk belegen sollten, nahmen sich kritische Medien die hässliche Kehrseite der Fernsehaudienz vor, die der Kremlchef am Dienstag dem russischen Volk gewährte – vor allem Echo Moskwy und Radio Liberty, der russische Dienst des US-Senders Radio Free Europe (RFL/RF). Demzufolge war der Platz im sibirischen Tomsk, wo eine der zwölf Satellitenschüsseln aufgestellt war, über die Bürger ihre Fragen direkt an Putin adressieren sollten, von Sonder-Miliz abgesperrt. Passieren durfte, wie RFL berichtete, nur, wer eine spezielle Einladung vorweisen konnte. Gemeine Bürger und Journalisten blieben ausgesperrt.

Die Auserwählten mussten lange vor der Zeit erscheinen: Insgesamt etwa 50 Studenten und Dozenten der dortigen staatlichen Universität, unter denen, so RFL, „eine strenge Auswahl“ getroffen wurde. Am Abend vor der Fragestunde, so Teilnehmer gegenüber dem Sender, hätten die staatlichen TV-Kanäle in Tomsk angerufen, um die Fragen abzustimmen. Zwei durften schließlich vor laufender Kamera gestellt werden. Wie ein Vizegouverneur später RFL sagte, sei es nur mit Mühe gelungen, die Frage nach dem Bau eines Forschungszentrums durchzuboxen, mit dem die Abwanderung junger Wissenschaftler gestoppt werden soll. Ähnliche Restriktionen berichtete RFL auch aus anderen Städten.

Am ärgsten sprangen die lokalen Machthaber mit den Bürgern in Workuta um, einer Bergarbeiterstadt hinter dem Polarkreis, zu Stalins Zeiten ein Verbannungsort. Dort hatten mehrere Bürger versucht, sich gewaltsam Zutritt zu dem abgesperrten Platz mit der Satellitenschüssel zu verschaffen. Allen voran die Bürgerrechtsbewegung „Memorial“, in der vor allem ehemalige sowjetische Dissidenten organisiert sind. Deren lokale Vorsitzende, Jewgenija Haydarowa, wurde bei dem Handgemenge von Polizisten über den ganzen Platz geschleift und brach sich dabei den Arm. Ihrem Ehemann wurden die Vorderzähne ausgeschlagen. Mehrere Protestierende wurden vorübergehend festgenommen.

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