Politik : Abhörmaterial der Stasi: Die DDR-Staatssicherheit lauschte: 19.000 Seiten Kohl

Jürgen Schreiber

Die DDR-Staatssicherheit hat aus dem Bundeskanzleramt von Helmut Kohl erheblich mehr Abhörmaterial zusammengetragen, als bisher bekannt. Von 1982 bis 1989 sind nach Einschätzung ehemaliger Stasi-Spezialisten etwa 19 000 Seiten Kohl-Mitschnitte zusammengekommen. Über Jahre wurden nach Tagesspiegel-Informationen "zwischen 75 und 100 Telefone" abgehört. Durchschnittlich "alle zwei Wochen" wurde ein Gespräch des Kanzlers im Original eingefangen.

"Zwei bis drei Gespräche" aus dem Kanzleramt liefen diesen Informationen zufolge täglich bei den 48 Abhör-Stützpunkten in der DDR und der CSSR auf. Beim Großen Lauschangriff hielt die für Funkaufklärung zuständige "Hauptabteilung III" allen voran den Regierungschef, seine persönliche Referentin Juliane Weber, Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble und den Vertrauten Eduard Ackermann dienstlich und teilweise auch privat "unter Kontrolle". Ein ehemaliger Stasi-Offizier des zuständigen Referates "Politik" ergänzt, dass man sich ferner bei allen sechs Abteilungsleitern von Helmut Kohl einklinken konnte, darunter auch dem für "Auswärtige und innerdeutsche Beziehungen" zuständigen Horst Teltschik. Mitarbeiter des Kanzleramts-Ressorts "Bundesnachrichtendienste, Koordinierung der Nachrichtendienste des Bundes" wurden ebenfalls abgehört.

Dokumente belegen zudem, dass es den Stasi-Lauschern im September 1988 gelungen war, in sämtliche Autotelefone von Kohls Kabinettsmitgliedern einzudringen. Nur die Apparate der Minister Rita Süssmuth, Oscar Schneider und Dorothee Wilms seien nicht geknackt gewesen. Die dem Tagesspiegel vorliegenden Befehle für die Mithörer verlangten, dass jährlich 55 000 "Sofort-, Einzel- und Ergänzungsinformationen" im Operationsgebiet BRD erarbeitet werden. Ferner gehörtern "480 Berichte und Analysen" sowie 250 Dossiers zum Plansoll der Auswerter.

Hauptaufgabe war nach dieser als "Geheime Verschlusssache" gestempelten Order, sich auf "die Erarbeitung von Spitzeninformationen aus den Führungszentren der Politik" in Bonn zu konzentrieren. Zudem geht daraus hervor, dass im November 1989 rund 100 000 Anschlüsse in West-Deutschland und West-Berlin unter "Zielkontrolle" standen. Die Hauptabteilung III konnte gleichzeitig 5000 Gespräche aufzeichnen.

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