Abitur : Was bedeuten die neuen Standards für Berliner Schulen?

Zukünftig wird der Leistungsanspruch in allen Bundesländern ähnlich sein. Den Berliner Schulleitern fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Doch sie fürchten ein sinkendes Niveau bei den Abschlussprüfungen.

Luisa Rische

„Wir brauchen keine Scheu zu haben und müssen uns nicht verstecken“, kommentiert Paul Schuknecht, Leiter der Friedensburg-Schule die neuen Abiturstandards. „Die Abituraufgaben von Bayern und Baden-Württemberg sind nicht anspruchsvoller.“ So richtig begeistert sind die Berliner aber auch nicht davon, dass die Anforderungen zukünftig bundesweit angeglichen werden sollen. Sie rechnen mit einem ähnlichen Effekt wie beim Zentralabitur.

Bisher sind die Bildungsstandards noch ziemlich abstrakt formuliert. Deshalb sei es auch schwierig, ihren zukünftigen Einfluss genau einzuschätzen, sagt Ralf Treptow, Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums. Sein Amtskollege Pit Rulff, Schulleiter der Ernst-Litfaß-Schule und langjähriger Leiter des Berufsschulverbandes, beruhigt seine Schüler aber schon heute: „Durch die Standardisierung wird es sicherlich nicht schwerer werden.“

Die Schulleiter der Hauptstadt erwarten keine größeren Schwierigkeiten für ihre Oberstufenschüler. Im Gegenteil. Schulleiter Ralf Treptow befürchtet durch die bundesweite Angleichung sogar einen Rückgang des Anspruchsniveaus. Das Berliner Zentralabitur sei bereits auf einem mittleren Niveau angesetzt, um allen Schulen gerecht zu werden und dies werde noch verstärkt. „Dezentral von Lehrern eingereichte und genehmigte Aufgaben haben einfach ein höheres Niveau“, sagt der Vorsitzende des Verbands der Oberstudiendirektoren. Sein Kollege von der Sekundarschule, Paul Schuknecht, spricht von einer „gewissen Nivellierung“, die mit dem Zentralabi nach Berlin gekommen ist. „Diese Entwicklung wird anhalten.“

Bis die Bildungsstandards in den Unterricht einfließen können, wartet noch viel Arbeit auf die Verantwortlichen. Pit Rulff beschäftigt vor allem die Frage, wie die Anforderungen konkret aussehen werden: „Es wird nicht einfach, den Pool zusammenzustellen. Wir können schließlich nicht nur bayerische Standards anwenden.“ Der Schulleiter des Oberstufenzentrums steht dem Prozess kritisch gegenüber und kann den Alleingang einiger Bundesländer, ähnliche Abituraufgaben für Deutsch, Mathe und Englisch schon ab 2014 zu stellen, nicht nachvollziehen. Ihm geht die Entwicklung ohnehin zu schnell. „Wir hecheln den Reformen schon jetzt ziemlich hinterher“, kritisiert Rulff.

In der Bildungsforschung sieht man das allerdings anders. Daniela Caspari von der Freien Universität Berlin geht davon aus, dass sich die neuen Standards positiv für Berlin auswirken werden. „Es ist doch beispielsweise schon heute ein großer Vorteil der Berliner Schulen, dass sie im Fremdsprachenunterricht keine festen Bücher haben“, sagt die Professorin für Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen. Die Bildungsstandards ermöglichten es nun, noch mehr mit unterschiedlichen Texten zu arbeiten und produktive Fähigkeiten wie das Hören und Sprechen zu fördern. „Zumindest der Fremdsprachenunterricht kann nun anspruchsvoller und lebensnäher gestaltet werden“, erklärt Caspari.

Wie sich die Reform dann tatsächlich auf die Noten von Berliner Abiturienten auswirken wird, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Erst dann werden auch die Schulleiter endgültig wissen, ob die Standards eine gute oder eine schlechte Idee sind. Ex-Verbandschef Treptow sieht der Zukunft gelassen entgegen: „Wir werden uns damit arrangieren. Aufgaben aus einem Pool zu wählen, ist keine Revolution.“ Luisa Rische

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