Politik : Ablasshandel an der Ampel

Übers Internet können sich Verkehrssünder von drohenden Punkten in Flensburg freikaufen – die Staatsanwaltschaft ermittelt

Cay Dobberke

„Übernehme Punkte und Fahrverbot“, schreibt der Anbieter mit dem Pseudonym „Raven“ in der Internetbörse eBay. Interessierte Auto- oder Motorradfahrer sollen den Preis mit ihm per E-Mail aushandeln. Und so funktioniert der moderne Ablasshandel: Wer zu schnell oder über eine rote Ampel gefahren ist, behauptet später, ein anderer habe am Steuer gesessen. Fahrzeughalter wie „Raven“ übernehmen dann gegenüber den Behörden die Schuld, der eigentliche Raser aber hat sich vom Eintrag in das Flensburger Register freigekauft. Üblich sind 150 Euro pro Punkt.

Unter „ www.punktelos.com“ ; firmiert sogar eine Internetagentur mit Sitz in Wien, die Verkehrssünder und Strohmänner zusammenbringen will. Beide Seiten sollen eine 0190er-Telefonnummer für 1,86 Euro pro Minute wählen. Zurzeit ist diese wegen „rechtlichen Klärungsbedarfs“ abgeschaltet. Auch bei eBay wird die Suche schwerer. Die Internetbörse versucht nun, diese Angebote herauszufiltern. Gleichzeitig holt die Justiz zum Schlag gegen den Punktehandel aus. Das Kraftfahrtbundesamt hatte bei eBay 60 einschlägige Inserate gefunden, die Liste ging Spezialisten für Internetkriminalität bei der Staatsanwaltschaft Cottbus zu. „Als nächstes schreiben wir an eBay“, sagt Sprecher Hans-Josef Pfingsten. Von dem virtuellen Auktionshaus wollen die Fahnder Namen und Adressen hinter den Pseudonymen erfahren. Verdächtige, heißt es, könnten noch im Sommer vernommen werden.

Die Inserate gelten bei den Ermittlern als „straflose Vorbereitungshandlungen“. Kommt es aber zum Punktehandel, sind Geld- oder Haftstrafen wegen Falschbeurkundung und Anstiftung zur falschen Verdächtigung möglich. Ein Beweis dafür wäre: Bei geblitzten Rasern kann das Polizeifoto mit dem Ausweisbild desjenigen verglichen werden, der sich als Fahrer ausgibt. Das geschieht bisher selten. Angesichts von täglich rund 14 000 angezeigten Verkehrsdelikten scheuen die Ämter den Aufwand.

Der Schummel läuft indes nicht nur per Internet ab. In einem Fall fand jemand in einem Anzeigenblatt einen Abnehmer für drei Punkte – zum Sparpreis von 200 Euro.

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