Politik : Abrechnung in Kurdistan

Militäraktionen gegen die PKK im Nordirak verstärken regionale Spannungen

Susanne Güsten[Istanbul]

Als sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor Wochen zu einem vertraulichen Meinungsaustausch mit dem Botschafter Irans traf, rätselten Beobachter, was sie wohl zu besprechen hatten. Die Ereignisse im Dreiländereck Türkei, Iran und Irak seither sind vielleicht ein Hinweis: Kurz nach dem Treffen begannen die türkischen und die iranischen Streitkräfte fast gleichzeitig, gegen die Rebellen der türkischen Kurdengruppe PKK in der Region vorzugehen.

Die Gefechte, teilweise auf irakischem Hoheitsgebiet, gehen über die bloße Bekämpfung einer Rebellenorganisation hinaus. Sie lassen die machtpolitischen Differenzen in der Region aufbrechen.

Offiziell geht es der Türkei und Iran nur um Selbstschutz. PKK-Rebellen hatten vom Irak aus verstärkt Angriffe in der Türkei und in Iran gestartet. Die türkische Armee hat deshalb mehr als 100 000 Soldaten in der Grenzregion zusammengezogen. Inoffiziellen Angaben zufolge stießen Spezialeinheiten einige Kilometer tief auf irakisches Gebiet vor und verlegten mehr als zwei Dutzend Panzer ins Nachbarland.

Irans Armee beschoss mehrmals das PKK-Hauptquartier in den nordirakischen Kandil-Bergen. Bagdad erklärte zudem, iranische Einheiten seien fünf Kilometer in den Irak eingedrungen. Die PKK, die sich 1999 von der Türkei in den Irak zurückgezogen hatte, spricht von koordiniertem Vorgehen von Türken und Iranern. Es geht aber nicht nur um die PKK. Beim Besuch von US- Außenministerin Condoleezza Rice in Ankara vergangene Woche beklagten sich die Türken auch über das Verhalten der nordirakischen Kurden. Viel Sympathie zwischen ihnen und den PKK- Kämpfern aus der Türkei gibt es zwar nicht. Doch Ankara hat den Verdacht, dass die nordirakischen Kurden die PKK in potenziellen Konflikten als Trumpf benutzen wollen.

Insbesondere der nordirakische Regionalpräsident und Kurdenführer Massud Barzani ist den Türken suspekt. Wieso unternehme Barzani nichts gegen die PKK und erlaube es der Kurdengruppe sogar, Vertretungen im Nordirak zu eröffnen, lautete eine der Fragen an Rice. Auch der von Barzani bekräftigte Anspruch der Kurden auf die nordirakische Ölstadt Kirkuk ärgert Ankara. Schließlich könnten die Ölvorräte von Kirkuk einen in der Zukunft möglichen – aber von der Türkei unerwünschten – Kurdenstaat wirtschaftlich lebensfähig machen.

Auch die Iraner reagieren mit den Militäraktionen nicht nur auf die Umtriebe einer PKK-Unterorganisation auf ihrem Boden. Für sie sind die Aktivitäten willkommener Anlass, die mit den USA verbündeten Kurden im Irak zu ärgern und gleichzeitig dem wichtigen Nachbarn Türkei einen Gefallen zu tun. Die Geste ist für Iran angesichts der Isolierung im Atomstreit besonders wichtig – jeder Verbündete ist willkommen. Erdogan demonstrierte jedenfalls , dass er keine Berührungsängste hat: Voraussichtlich an diesem Freitag will er den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad treffen.

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