Politik : abrüsten

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Von Stephan-Andreas Casdorff

Da ist sie wieder, die Angst. Zwei feindliche Brüder stehen einander gegenüber, mit einer Million Soldaten an der Grenze, Atomwaffen im Hinterland, und auch die kühlen Briten sagen, dass der Einsatz dieser Waffe im Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan eine „reale Möglichkeit“ sei. Besorgt ruft die Welt die erhitzten Gemüter zur Mäßigung auf. Und wird nicht dadurch hoffnungsfroher, dass die USA und Russland weiter abrüsten.

Nukleare Waffen in der Welt sind eine Geschichte der Angst. Dass der Geist nicht in die Flasche zurückzubringen sei, war in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine stehende Redewendung. Sie sollte sagen: Die Entwicklung der Atomwaffe ist ein Fluch. So lange es sie und die beiden waffenstarrenden Blöcke gibt, ist ein Atomkrieg möglich, auch einer aus Versehen. Aus dem Ostblock gab es solche Berichte nicht, jedenfalls nicht öffentlich, aber aus Amerika: Wie Langstreckenraketen, atomar bestückt, aus ihren Silos kriechen – und in letzter Minute gestoppt werden. Die Katastrophe kam damals gottlob immer nur beinahe. Es schien, als könne mit dem Zerfall der Blöcke vielleicht auch die Angst besiegt werden. Aber auch nur beinahe.

Denn in den 90er Jahren, als sich die große Sowjetunion in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten auflöste, war unklar, was aus dem nuklearen Erbe werden würde. Jetzt gab es auch aus dem leichter zugänglichen Osten Berichte: über vagabundierende Atomwaffen, schnell zu erwerbendes spaltbares Material und Techniker ohne Stelle, die gegen Geld Atomwaffen jeder Größe bauen. Diese Angst war übertrieben, wie sich heute zeigt. Aber sie blieb. Latent.

Und ist im 21. Jahrhundert wieder da. Die Angst vor einem neuen Wettrüsten kam mit dem Projekt der Raketenabwehr aus dem Weltraum, mit Berichten, die USA testeten und träfen schon die Raketen im Flug. Der Ton wurde kälter, wie zu Anfang der 80er. Heute treffen sich Hoffnung und Angst aufs Neue. Wer wird siegen? Die Hoffnung verkörpern George W. Bush und Wladimir Putin, die Angst Pervez Musharraf und Atal Vehari Vajpayee. Amerika und Russland haben als neue Partner in der Welt ein Abkommen geschlossen, das ihre strategischen Atomarsenale um zwei Drittel verringern soll. Niedergeschrieben auf drei Seiten und nicht mehr, wie vor Jahren, auf 700. Nicht einmal einen Vertrag über die Verschrottung der Waffen halten sie für nötig: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Ein Wandel durch Annäherung.

Dagegen ist das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan durch ihre Entfremdung eine ständige Gefahr. Sie haben schon Kriege um Kaschmir geführt. Indien sieht sich bedroht und durch Amerikas Vorgehen in Afghanistan in seiner Haltung gestärkt, Terror auch jenseits der eigenen Grenze zu bekämpfen. Pakistan will jeden Übergriff auf sein Land mit Atomwaffen abschrecken, ja, notfalls auch abwehren. Zwei Brüder wie zwei Blöcke, und die Erinnerung an die ewige Bedrohung kehrt zurück – bei Warnzeiten vor einem Angriff von zwei Minuten.

Aber das spricht für die Hoffnung: Dass es bei einem Blick auf die Geschichte eine Chance für neue Annäherung gibt. In Europa hat sich damals die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, die KSZE, bewährt. Sie half, erst Sprachlosigkeit zu überwinden, dann Interessen gemeinsam zu definieren. So entsteht Dialog, und der kann zu Abrüstung führen. Die Konferenz wirkt im Übrigen buchstäblich bis heute. Das könnte ein Modell für Asien sein. Eine KSZAS, in der auch alle Schwellenländer wie der Iran vertreten sein müssten. Das ist zu hoffen: Wer redet, schießt nicht. Denn die Angst vor der Atomwaffe sagt: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter.

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