Abschied aus dem Bundestag : Luc Jochimsen

Als MdB eine Spätberufene. Kam erst mit 69 Jahren ins Parlament. Zuvor bekannte Fernsehjournalistin, zuletzt Chefredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Persönlicher Erfolgsmoment: 126 Stimmen im 1. Wahlgang der Bundespräsidentenwahl 2010.

Luc Jochimsen
Luc JochimsenFoto: dpa

"Unauslöschlich, wie die Geschichte schon anfing: 18. September 2005. Ich stehe im Erfurter Wahlquartier mitten im Jubel. 8,7 Prozent für die Linke! Im Fernsehen die sogenannte „Elefantenrunde“. Zu erleben wie Bundeskanzler Schröder die Kontrolle über sich verliert, über seine Gesichtszüge, über sein Lachen, über seine Worte ...

Sturz aus der Macht. Und dies zu erleben in einem Moment, in dem feststeht, dass ich Mitglied des Bundestages sein werde. Ich, das alte journalistische Schlachtross. Sehe ich dieses öffentliche Schauspiel einer Abwahl immer noch mit meinen „journalistischen“ Augen oder schon mit „politischen“? Der Machtwechsel in dieser Nacht war der Ausgangspunkt für unsere politische Arbeit – und wir waren der Ausgangspunkt für diesen Wechsel.

Die journalistische Beobachtung der parlamentarischen Arbeit konnte ich nie aufgeben – ich hatte zu handeln oder war Teil einer Gruppe, die zu handeln hatte, gleichzeitig aber beobachtete ich mich dabei und die anderen. Zum Beispiel genau vier Wochen später in diesem denkwürdigen Jahr 2005: Am 18. Oktober, als sich das Parlament konstituierte und die Wahl des Präsidiums anstand. Neben dem Präsidenten sollten sechs Vize-Präsidenten gewählt werden. Es gab klare Absprachen. Wir hatten Lothar Bisky nominiert – ohne Einwände der anderen Fraktionen. Wie abgemacht, stimmten wir für die anderen Kandidaten.

Als Lothar Bisky an der Reihe war, bekam er keine Mehrheit. Im 1. Wahlgang nicht, im 2. Wahlgang nicht, im 3. Wahlgang nicht. Dann wurde diese Kür vertagt. „Unwählbar“ war die Botschaft an uns, die von 4,1 Millionen Wählern ins Parlament gesandte Fraktion. Über alle Fassungslosigkeit und Ohnmacht beherrschte mich das Gefühl: So viel Ablehnung hat ihren Grund. Die Mehrheit der anderen im „Hohen Haus“ fühlt sich bedroht von uns – insofern ist es genau richtig, dass wir hier sind und uns einmischen.

Dennoch: Gut ist vor allem, wenn wir fraktionsübergreifend arbeiten können. Das war bei der Patientenverfügung so, bei der Beschneidungsdebatte ... Wenn ich im Protokoll den Schlusssatz meiner Rede dann so kommentiert nachlese: „Beifall des ganzen Hauses“ – dann ist das mehr als ein persönlicher Erfolg. Deshalb einen ungebetenen Rat an die Parlamentarier 2013 folgende: Fraktionsübergreifend Politik machen! So viel es geht!!"

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