Abschied aus dem Bundestag : Wolfgang Thierse

Mit knapp 70 wird im Herbst Schluss sein. War der Ost-Sozialdemokrat schlechthin. Als Bundestagspräsident ganz oben. Kam aus der Wissenschaft, DDR-Zentralinstitut für Literaturgeschichte: u.a. Wörterbuch ästhetischer Grundbegriffe.

Wolfgang Thierse
Wolfgang ThierseFoto: dpa

"Im Oktober werden 24 Jahre parlamentarischer Arbeit hinter mir liegen. Eine insgesamt spannende Zeit, deren spannendster Abschnitt aber wohl gleich das erste Jahr war: die sieben Monate der frei gewählten Volkskammer der DDR. Wir waren alle politische Anfänger, ich auch. Koalitionsverhandlungen, Parlamentsreden, Kompromisse, Siege und Niederlagen, Lob und Beschimpfungen – alles zum ersten Mal. Es ging alles so schnell, mir war manchmal ganz schwindelig davon. Eine Zeit größter Hoffnung, wunderbaren Lernens, noch ohne Routine, dafür mit viel Zuhörbereitschaft! Aufbruchszeiten eben.

In Bonn dann Eingewöhnung in den parlamentarischen Alltag, in die – vernünftige und notwendige – Routine des politischen Betriebs. Ein erster Höhepunkt aber schon im Juni 1991 war die Entscheidung für Berlin als Parlaments- und Regierungssitz. Sie war knapp, ihr gingen wochenlange intensive Gesprächsrunden voraus, an denen ich beteiligt war, mit immer neuen Formulierungen für den Pro-Berlin-Antrag. Die Redeschlacht am 20. Juni war dramatisch und lang, sie begann mit den Reden von Norbert Blüm für Bonn und von mir für Berlin. Es war bis zum Ende der Debatte gänzlich offen, wie es ausgehen würde.

Die Berlin-Anhänger, ich auch, waren skeptisch bis pessimistisch. Umso heftiger war der Aufschrei, die Begeisterung bei der Verkündung des Ergebnisses: 338:320 für Berlin. Ich habe vergessen, wer mich alles umarmt hat und wen ich alles umarmt habe! Bis heute bin ich ein wenig stolz darauf, dass ich zum Erfolg für Berlin beigetragen habe.

Neun Jahre später hatte ich es mit einem Konflikt ganz anderer Art zu tun: Helmut Kohls Parteispenden-Affäre. Nach intensiver Beratung mit prominenten und kompetenten Juristen habe ich meiner Pflicht als Bundestagspräsident folgend gegen die CDU eine 21-Millionen-Euro-Strafe verhängt. Die CDU war – verständlicherweise – verärgert, hat gegen mich durch alle Instanzen prozessiert und in allen Instanzen verloren. Alle Gerichte haben mir bescheinigt, nach Recht und Gesetz entschieden zu haben. Umso schlimmer für mich: Für Helmut Kohl war ich „der schlimmste Parlamentspräsident seit Hermann Göring“, in allen folgenden Wahlen ins Bundestagspräsidium haben mich CDU/CSU-Abgeordnete mit Nichtwahl bestraft. Das hat schon wehgetan.

Als Bundestagspräsident war ich Bauherr des Holocaust-Denkmals in Berlin, das der Bundestag in seiner letzten Sitzung in Bonn beschlossen hatte, eine symbolkräftige Entscheidung. Es gab viel Widerspruch und Kritik, viele Pannen und mancherlei Verdächtigungen. Trotzdem ist es gelungen, dieses wahrlich zugleich wichtige und sensible Projekt im Zeit- und Kostenrahmen fertigzustellen. Die Eröffnungsfeier am 5. Mai 2005 war für mich sehr bewegend.

Ich habe meine Hoffnung damals so formuliert: „Dieses Denkmal – mit dem Ort der Information – kann uns Heutigen und den nachfolgenden Generationen ermöglichen, mit dem Kopf und mit dem Herzen sich dem unbegreiflich Geschehenen zu stellen.“ Diese Hoffnung hat sich, glaube ich, erfüllt, wie mir viele Besucher bestätigt haben. Auch darauf bin ich ein wenig stolz.

Eine intensive Zeit, in der das Land sich verändert hat, ich wohl auch. Das Parlament wird mir fehlen. Ich bin neugierig, ob danach noch irgendjemand etwas von mir wissen will. Mal sehen."

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