Politik : Abschied vom Weltmarkt

Dagmar Dehmer

Die Agrarwende muss nicht neu erfunden werden. Sie ist längst ein Teil der Wirklichkeit, schreiben Götz Schmidt und Ulrich Jasper in ihrem eben vorgelegten Buch über die "Zukunft unserer Ernährung". Der Agrarwissenschaftler Götz Schmidt forscht und lehrt an der Universität Kassel, der bisher einzigen deutschen Hochschule, die sich mit nachhaltigen Ansätzen in der Landwirtschaft auseinandersetzt. Sein Partner Ulrich Jasper kommt direkt aus der Agrar-Opposition, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Aus der AbL ist zwar nie ein Gegen-Bauernverband geworden. Doch mit dem jährlich herausgegebenen "Kritischen Agrarbericht" hat der lose Zusammenschluss, dem sich viele Öko-Bauern angeschlossen haben, schon lange die Debatte über Alternativen zum "Wachsen oder Weichen" bestimmt. Ihr Diskussionsbeitrag orientiert sich denn auch stark an den Erfahrungen derjenigen, die sich den gängigen Vorgaben der europäischen Landwirtschaftspolitik schon länger verweigern.

Ulrich Kluge dagegen kann sich in seinem Buch "Ökowende" nicht recht entscheiden, welches Landwirtschaftsmodell er bevorzugt. Dem Dresdner Wirtschaftshistoriker gelingt es zwar, die Missstände des nunmehr gescheiterten europäischen Agrarmodells zu beschreiben. Allerdings fällt es ihm schwer, Alternativen zu formulieren. Kluge, der in der Nähe von Freiburg lebt, hält zwar die bäuerliche Landwirtschaft dem Öko-Landbau für ebenbürtig, leitet daraus aber keine programmatischen Vorschläge ab.

Die große Stärke von Schmidt / Jasper liegt darin, dass sie die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft viel klarer als Kluge in ihrer Unterschiedlichkeit erfassen. Auf der einen Seite die Strategie des "Wachsens oder Weichens", die nur aufgehen konnte, wenn tatsächlich viele Bauern aufgaben - und zwar ganz. Junge, gut ausgebildete Landwirte mit exzellenten Betriebswirtschafts-Kenntnissen bauten die elterlichen Höfe zu industriell erzeugenden Unternehmen um. Daraus entstanden die Betriebe im "Schweine-Dreieck" in Niedersachsen, wo bis zu 12 000 Schweine in den Ställen gemästet werden. Oder Legebatterien mit tausenden von Hühnern, die keine andere Aufgabe haben als möglichst viele Eier zu legen. Solche Betriebe sind zweifellos lukrativ, sie sind in vielen Fällen sogar fähig, beim Wettbewerb auf dem Welt-Agrarmarkt mitzuhalten, dabei unterstützt durch teilweise üppige Subventionen aus Brüssel.

Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Auf der anderen Seite hat sich eine Vielzahl von Landwirten zu ganz anderen Ufern aufgemacht. Da sind die unzähligen Höfe, die aufgehört haben, nur Lebensmittel herzustellen. Sie vermarkten ihre Produkte in Hofläden selbst. Sie haben an attraktiven Fahrradstrecken entlang Hof-Cafés eröffnet oder vermieten Ferienwohnungen auf dem Bauernhof. Manche Höfe haben die traditionelle Landwirtschaft aufgegeben und halten stattdessen Pferde. Andere haben sich mit Kollegen zusammengetan, um zumindest die Maschinen gemeinsam zu nutzen, vielleicht aber auch, um sich beispielsweise zeitweise im Kuhstall zu vertreten. So konnten sich Nebenerwerbs-Landwirte, die ihre Scholle nicht aufgeben, aber dennoch ein modernes Leben führen wollten, endlich den Traum vom Urlaub erfüllen. Schmidt / Jasper beschreiben, warum diese Bauern, die sich ausdrücklich nicht am Weltmarkt orientieren, in vielen Fällen eine neue Erfüllung in ihrem Beruf gefunden haben. Und sie empfehlen diese vielfältigen Entwicklungswege, die sich vor allem an der Region und den eigenen Bedürfnissen orientieren, als Modelle für die Agrarwende.

Ulrich Kluge dagegen hat für die Zukunft nicht allzu viel anzubieten. Sein Buch besticht durch eine süffig geschriebene Analyse der bestehenden Subventions-Missstände. Doch wie diese zu überwinden wären, vermag der Wirtschaftshistoriker nicht zu formulieren. Sein Zukunftsmodell ist das alte, das der Deutsche Bauernverband (DBV), ohne es tatsächlich ernsthaft zu vertreten, seit Jahren in Sonntagsreden beschwört: die bäuerliche Landwirtschaft.

Für diese bricht auch Ulrich Kluge eine Lanze. Doch wer erfahren will, wie ein Landwirtschaftsmodell für das 21. Jahrhundert aussehen könnte, wird bei Kluge nicht fündig. Und selbst in der Analyse verblüfft Kluge gelegentlich durch Unentschlossenheit. Bereits in der Einleitung schreibt er: "Dabei braucht man einzelne Schuldige an der BSE-Krise und ihren Folgen nicht namhaft zu machen." Wie? Ist all das geradezu naturwüchsig über die deutsche Landwirtschaft gekommen? Zumindest Kluge scheint das zu denken. Denn er schreibt weiter: "Die Entwicklung der modernen Landwirtschaft ist die Summe zahlreicher Faktoren, unter denen der Personalfaktor einen bescheidenen Platz, fast am Rande des Geschehens, einnimmt." Das ist nun eindeutig falsch.

Doch trotz dieser kuriosen Methode beschreibt Kluge in weiten Teilen seines Buches die Misere sehr zutreffend. Wer mehr über die historischen Wurzeln der Fehlentwicklung in der europäischen Landwirtschaft erfahren will, sollte Kluges Buch unbedingt lesen. Wer jedoch auf der Suche nach in die Zukunft gerichteten Argumenten ist, ist bei Schmidt / Jasper besser aufgehoben. Beiden Büchern ist das Tempo anzumerken, in dem sie verfasst wurden. Doch das spricht nicht gegen sie. Denn wer in der Debatte über die Agrarwende gehört werden möchte, muss sich beeilen. Sie ist bereits in vollem Gang.

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