• Abschiednehmen in Oggersheim: "Er hat immer zuerst gegrüßt. Dabei war er da schon Kanzler“

Abschiednehmen in Oggersheim : "Er hat immer zuerst gegrüßt. Dabei war er da schon Kanzler“

Seit 1971 hatte Helmut Kohl seinen Wohnsitz in Oggersheim, einem Stadtteil von Ludwigshafen. Umso schwerer fällt vielen Menschen dort das Lebewohl sagen.

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Anwohner legen vor dem Haus des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) Blumen nieder.
Anwohner legen vor dem Haus des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) Blumen nieder.Foto: Thomas Frey/dpa

Es ist ruhig am Samstagvormittag in Oggersheim, der Stadtteil von Ludwigshafen wirkt wie ausgestorben. Nur vereinzelt sieht man Hausbesitzer bei der Gartenarbeit. Wo die Marbacher Straße ist? Die 76-jährige Passantin will die ortsfremde Journalistin sofort hinfahren: „Das tue ich gern, wir tun alles für unseren Helmut Kohl“, sagt sie. Alle hier in Oggersheim hätten ihn gerne gehabt und es sehr bedauert, dass man ihn in den letzten Jahren kaum noch gesehen habe. Früher, als seine Frau Hannelore noch lebte, habe sie ihn oft auf der Straße gesehen. „Er war immer so freundlich, und überhaupt nicht eingebildet. Er hat auch immer zuerst gegrüßt. Dabei war er da schon Kanzler.“ Dass dieser bedeutende Mann jetzt tot ist, mache sie traurig.

Auch in der Marbacher Straße ist wenig los, ein Polizeiwagen steht an der Einmündung, die Polizeisperre kann von jedem problemlos passiert werden. Der 24-jährige Jerome Rothschild kommt mit einem Blumenstrauß. Er ist schockiert über die Nachricht vom Tod des Alt-Kanzlers, er ringt sichtlich nach Fassung. „Ein Stück Geschichte ist zu Ende gegangen“, sagt er. Rothschild gehört zur Jungen Union in Ludwigshafen, er kannte Helmut Kohl auch persönlich. Zuletzt habe er ihn Ende 2016 gesehen, zusammen mit seiner Frau, Maike Kohl-Richter. „Sie hat so viel für ihn getan“, sagt der junge Mann. Ihm ist es sehr wichtig, das zu sagen. Und er ist auch der einzige, der sich an diesem Vormittag so freundlich über Kohls zweite Ehefrau äußert. „Als die neue Madam ins Haus kam, haben wir ihn kaum noch gesehen“, beklagt sich dagegen ein anderer Oggersheimer. Auch er hat Blumen gebracht.

Hoher Besuch kam in die pfälzische Kleinstadt

Seit 1971 lebte Helmut Kohl in Oggersheim, in seinem Haus waren Politiker aus aller Welt zu Gast. Bill Clinton, Margaret Thatcher, Boris Jelzin. Auch Michail Gorbatschow kam zu Besuch, Mutter Theresa war ebenfalls da. Darauf sind die Oggersheimer stolz. Doch es sind noch nicht viele, die sich an diesem Samstagvormittag vor dem Wohnhaus von Helmut Kohl eingefunden haben.

Die Nachbarschaft – alles Einfamilienhäuser, in den gepflegten Vorgärten Rosen und Lavendel - hat sich regelrecht verschanzt, die Fenster sind geschlossen, kein Nachbar ist zu sehen. Vor dem Eingang der Marbacher Straße 11 stehen dafür beinahe zehn Kamerateams. Zum Teil harren sie schon seit sechs Uhr morgens aus. Sie warten auf den Leichenwagen. Der müsse bald kommen, so heißt es, länger als 36 Stunden dürfe nach rheinland-pfälzischen Gesetzen kein Toter zu Hause bleiben. Die zehnjährige Siria gruselt es, als sie das hört. Zusammen mit ihrem fünfjährigen Bruder Leonardo und ihrem Stiefvater Robert Berecz ist sie aus dem fünfzehn Kilometer entfernten Altrip hierhergefahren. Ein kurzer Abstecher, die Familie will gleich schwimmen gehen. Leonardo faltet eine Bild-Zeitung auf, die er unter den Arm geklemmt hat. Er zeigt seiner Schwester das Foto von dem Mann, der jetzt tot ist.

Helmut Kohl, mit Francois Mitterrand am Atlantik bei Biarritz, Frankreich. 04. Januar 1990.
Helmut Kohl, mit Francois Mitterrand am Atlantik bei Biarritz, Frankreich. 04. Januar 1990.Foto: Konrad R. Müller / Agentur Focus

Robert Berecz hat die Zeitung extra für die Kinder gekauft. „Das war unser Kanzler“, erzählt er den Kindern. Sie sollen nicht nur Angela Merkel kennen, meint er. „Wir Deutschen haben Helmut Kohl sehr viel zu verdanken.“ Es sind nicht nur Menschen aus der Umgebung, die in die Marbacher Straße kommen. Auch Undine Büttner aus Bonn und ihr Mann sind da, um sich von Helmut Kohl mit Blumen zu verabschieden. Sie wären gerade in Mannheim, erzählt sie, also nicht weit von hier. „Ich bin diesem Mann auch persönlich sehr dankbar“, sagt die 65-Jährige. Ihre Familie stammt aus Ostdeutschland und wurde nach dem Krieg enteignet. Nach der Vereinigung bekamen sie ihren Landbesitz wieder zurück: „Nur deshalb konnte ich früher in Rente gehen,“ sagt sie mit Tränen in den Augen. Auch wenn sie nicht mit allem einverstanden gewesen sei, was er gemacht habe, er sei ein großer Politiker gewesen: „Er hat die Zeichen der Zeit erkannt.“

Immer wieder ist die Rede von Hannelore

Die Tochter von Kohls früherem Hauselektriker ist da, gibt gleich vier Kamerateams ein Interview. Sie hat Kohl persönlich gekannt. „Er war so bürgernah“, sagt sie. Sie erzählt vom Wolfgangsee, wo ihr Vater die Hausantenne repariert hat. „Wir durften alle mitfahren.“ Und immer wieder ist auch die Rede von Hannelore Kohl, die so hilfsbereit gewesen sei und so vielen Menschen in Not beigestanden habe.

Nicht alle wollen mit der Presse reden. Zehn Meter weg vom Haus steht eine junge Frau, sie ist schwarz gekleidet, sie betet mit geschlossenen Augen. Ihr Begleiter traut sich an dem Kameraaufgebot vorbei, legt schnell seinen Blumenstrauß vor die Haustür, die von zwei Polizisten bewacht wird. Dort brennen sieben Kerzen. „Danke für ihr Lebenswerk! Sie waren ein Idol für mich“ steht groß auf einer beigefügten Karte.

Gerade sieben Blumensträuße liegen da. „Das ist viel zu wenig!“ empört sich Ferdinand Kappes aus Hassloch. Und auch der 53-jährige Stephan Paul meint, Kohl, der nicht nur Oggersheim sondern die ganze Pfalz weltberühmt gemacht habe, habe wirklich viel mehr Blumen verdient.

Die 72-jährige Maria Büchner findet das auch. Aber sie glaubt, dass viele nicht kommen, weil sie denken, die Straße sei gesperrt worden. So war es, als Hannelore starb, sagt sie. Sie habe die Blumen damals nur an der Absperrung abgeben dürfen. Sie ist sich sicher, dass deshalb kaum einer da ist. Denn die Trauer in Oggersheim sei groß. „Dass er hier bei uns gelebt hat bis zu allerletzt, das macht uns stolz.“

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