Politik : Abstiegsangst erreicht die Mittelschicht

Axel Vornbäumen

Berlin - Die Angst vor dem sozialen Abstieg hat in Deutschland mittlerweile die Mitte der Gesellschaft erreicht. Überdies macht sich in weiten Teilen der Bevölkerung verstärkt ein Gefühl der politischen Einflusslosigkeit breit. Wissenschaftler der Universität Bielefeld, die unter Leitung des Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer in einer Langzeitstudie den Umgang der Deutschen mit den schwachen Gruppen der Gesellschaft analysieren („Deutsche Zustände“, Suhrkamp-Verlag), halten dies für eine bedenkliche Mixtur. „Das Auseinanderdriften von ökonomischer Entwicklung und gesellschaftlicher Integration hat sozial zerstörerische Folgen“, so ihr Fazit bei der Vorstellung ihrer Zwischenergebnisse am Donnerstag in Berlin.

Bei der nun schon zum vierten Mal präsentierten Heitmeyer-Studie zeigte sich abermals eine Zunahme von fremdenfeindlichen Einstellungen. Gestiegen ist auch die Abneigung gegenüber dem Islam. So stimmten im Jahr 2005 bereits 61 Prozent der Befragten dem Satz „In Deutschland leben zu viele Ausländer“ eher oder ganz zu. Drei Jahre zuvor waren es lediglich 55 Prozent. Immerhin noch 36 Prozent bejahen den Satz, dass bei knapper werdenden Arbeitsplätzen Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden müssten (2002: 28 Prozent).

Heitmeyer will bei seiner jüngsten Studie eine „neue Qualität der Unsicherheit“ festgestellt haben. Der Wissenschaftler prägte in diesem Zusammenhang den Begriff von der „verstörten Gesellschaft“. Nach Ansicht der Bielefelder Sozialforscher mischt sich „das machtlose Verzagen gegenüber den Starken der Gesellschaft“ mit der „Artikulation der Ungleichwertigkeit gegenüber Schwachen, wie zum Beispiel Fremden, Muslimen, Homosexuellen, Obdachlosen, Juden“. Dadurch entstehe quasi ein Multiplikatoreffekt – weil die Anerkennung schwacher Gruppen zurückgehe, verschlechterten sich auch ihre Integrationsmöglichkeiten. Alarmierend für Heitmeyer ist vor allem, dass „Desintegrationsängste“ mittlerweile die Mitte der Gesellschaft erreicht hätten. „Die Mitte aber ist klimabestimmend, das ist das Problem.“

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) mahnte eine „Kultur der wechselseitigen Anerkennung an“. Die Frage sei, was die Gesellschaft zusammenhalte, „wenn Arbeit und Markt es ganz offensichtlich nicht mehr können“, sagte Thierse.

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