Abstimmung über Verfassung : Pathos und Patrioten in Ägypten

Die Ägypter stimmen über eine neue Verfassung ab – das Votum gilt als Stimmungstest für Armeechef Sissi.

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Für ein starkes Land: Wer sich an der Abstimmung über die Verfassung beteiligt, hofft auf ein klares Ja. Viele von ihnen sind froh, die Muslimbrüder los zu sein.
Für ein starkes Land: Wer sich an der Abstimmung über die Verfassung beteiligt, hofft auf ein klares Ja. Viele von ihnen sind...Foto: dpa

Mit wippendem Schritt kommt Hassan Sadiq aus dem Wahllokal. „Jetzt rauche ich eine Schischa und feiere“, sagt der 34-Jährige. Er hat sich freigenommen, es gibt sowieso nichts zu tun in seinem kleinen Reisebüro im Stadtteil Dokki. Er habe schon sein Haus und das Auto verkauft, ruft er lachend. „Egal, Hauptsache, wir sind die Muslimbrüder wieder losgeworden.“

So wie er denken alle, die am Dienstagvormittag vor der Gamal-Abdel-NasserGrundschule anstehen, um sich am Verfassungsreferendum zu beteiligen. Die Stimmung ist gelöst. Manche Frauen sind sogar mit Baby auf dem Arm gekommen. Andere haben eine Nationalflagge in der Hand. Hier will jeder für die Verfassung stimmen und findet nur verächtliche Worte für die Muslimbrüder. Die meisten gehen erst gar nicht in die Wahlkabine und machen ihr Ja-Kreuz direkt am Tisch unter den Augen der Helfer. Denn alle sind sich einig. Man hofft auf General Abdel Fattah al Sissi als nächsten Präsidenten. „Er wird Ägypten wieder auf die Beine helfen, wir werden zum besten Land der Welt“, ist sich Mona Ibrahim sicher, die als Autoverkäuferin beim chinesischen Hersteller Speranza arbeitet.

Dabei begann der Tag in Kairo bereits am frühen Morgen mit einem Bombenanschlag. Kurz vor 8 Uhr explodierte im Armenviertel Imbaba ein Sprengsatz vor dem lokalen Gerichtsgebäude, riss Teile der Fassade herunter und beschädigte parkende Autos. Verletzt wurde niemand, der Eingang zum nächsten Wahllokal jedoch war nur 50 Meter entfernt. In zahlreichen Städten Ägyptens kam es zu Auseinandersetzungen zwischen MursiAnhängern und der Polizei, in Oberägypten starben mindestens neun Menschen. In Kairo konzentrierten sich die Krawalle vor allem auf den Umkreis der großen Universitäten. 160 000 Soldaten und 130 000 Polizisten waren aufgeboten, um die rund 30 000 Wahllokale zu schützen. Der starke Mann Ägyptens, General Sissi, darf als Armeeangehöriger selbst nicht wählen, erschien aber unter Jubel der Wartenden vor einem Wahllokal in Heliopolis und warb erneut um eine hohe Beteiligung. Zeitungen überschlugen sich noch einmal mit trommelnden Schlagzeilen. „Ja für die Verfassung“ und „Die neue Verfassung ist der Wille der Massen“, titelten Kairos Blätter.

Denn die Beteiligung der rund 53 Millionen Wahlberechtigten ist der entscheidende Indikator dafür, welchen Rückhalt die neue, von der Armee an die Macht geputschte Führung im Volk wirklich hat. Am ersten Tag war der Andrang bei vielen Wahllokalen mäßig, auch wenn das Staatsfernsehen in Großaufnahmen immer wieder Sprechchöre eifriger Sissi-Anhänger sendete. Die Beteiligung der 700 000 Auslandsägypter, die als erstes Indiz gelten könnte, war in den Tagen zuvor ziemlich mager ausgefallen. Nur gut zehn Prozent gaben ihre Stimme ab, von denen praktisch alle mit Ja votierten.

Ähnlich einhellig wird am Dienstag und Mittwoch auch das Resultat im heimischen Ägypten ausfallen, zumal alle Parteien, die für ein „Nein“ werben wollten, mit Polizeigewalt daran gehindert wurden. Die Muslimbruderschaft, die vor drei Wochen zur Terrororganisation erklärt worden war, hatte zum Boykott des Referendums aufgerufen. Nach Angaben der Website „Wiki Thaura“, die von jungen Demokratieaktivisten betrieben wird, haben Polizei und Militär seit dem Sturz von Mohammed Mursi mehr als 21 000 Menschen verhaftet, darunter rund 2500 Führungskräfte der Muslimbruderschaft.

Auch wichtige Galionsfiguren des Arabischen Frühlings erlebten das Referendum hinter Gittern. Wie der Mitbegründer der Bewegung „6. April“, Ahmed Maher. Er wurde unter fadenscheinigen Vorwänden zu drei Jahren Haft verurteilt. „Sich gegen die Rückkehr des MubarakSystems zu stemmen, ist unsere noble Pflicht“, schrieb Maher zum Wahltag in einem Brief aus dem Torah-Gefängnis.

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