ABSTUMPFEN IN INDIEN : ABSTUMPFEN IN INDIEN

Nein, die Armut hatten wir uns nicht ausgemalt. Wir wollten in das Boomland Indien, jenes brummende Dienstleistungszentrum, das abhebt, wenn man in Europa eine Servicenummer wählt. Jenes Land, das uns 2011 mit 8,5 Prozent Wachstum gelb vor Neid werden ließ.

Das Auswärtige Amt warnt vor dem Denguefieber. Vor der Armut warnt es nicht. Es wäre auch vergebens. Darauf, was es heißt, wenn 28 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, kann man sich nicht vorbereiten. Nicht auf die städtische Armut: ausgemergelte Rikschafahrer, die unter Plastikplanen wohnen, Männer, die den Müll der Wohlhabenden mit bloßen Händen sortieren. Frauen, die apathisch mitten auf dem Pflaster liegen. Nicht auf die ländliche Armut: Kartoffelbauern, die ihre Parzelle mit dem Holzpflug beackern, Frauen, die hoch in den Wäldern des Vorhimalaya das Moos von den Bäumen zupfen, um es im Tal für ein paar Rupien an Färbemittelhersteller zu verkaufen, die Hundertschaften, die allein mit der Schaufel Staudämme in die Täler bauen. Es wäre gelogen, zu sagen, dass ich angesichts der Vielfältigkeit und Allgegenwart der Armut beschwert von Mitleid gereist bin. Zu großartig ist das Land, zu schrill die Kultur, zu optimistisch die Stimmung. Die Armut verschwimmt zu einem dumpfen Hintergrundrauschen, bis man sich zum ersten Mal dabei erwischt, wie man ein bettelndes Kind unwirsch aus dem Weg schiebt. Der Ekel darüber, wie schnell man abstumpft, bleibt als nachhaltiges Souvenir. Anna Sauerbrey

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