Abwehrsystem : So schützt "Iron Dome" Israel vor den Hamas-Raketen

Während bei Luftangriffen bereits mindestens 100 Palästinenser getötet wurden, gibt es in Israel aufgrund des Raketenabwehrsystems "Iron Dome" bisher keine Opfer zu beklagen. Doch das Verteidigungsministerium warnt vor Gleichgültigkeit.

Charles A. Landsmann
Das Abwehrsystem vor Tel Aviv.
Das Abwehrsystem vor Tel Aviv.Foto: AFP

Täglich um acht Uhr morgens schießen Palästinenser aus dem Gazastreifen mindestens zwei M-75-Raketen auf den Großraum Tel Aviv ab. Um zwölf Uhr folgt meist der nächste Versuch. Alarm in Tel Aviv. Anderthalb Minuten haben die Menschen dann Zeit, um einen Schutzraum aufzusuchen. Doch immer weniger tun dies. Nur wer Kinder hat, geht vorbildlich mit ihnen in Deckung und wartet den ohrenbetäubenden Knall ab. Den Knall, den das die israelische Abwehrsystem "Iron Dome“ ("Eiserne Kuppel") verursacht, wenn es die Angriffsrakete zerstört. Viele Tel Aviver schauen sich diesen Vorgang sogar auf ihren Balkonen an und machen Bilder mit ihren Handy-Kameras.

Todesfälle gibt es in diesem Konflikt in Tel Aviv, ja in ganz Israel bislang keinen einzigen. Meldungen gab es lediglich darüber, dass sich im Tel Aviver Alten-Vorort Givatajim eine ältere Dame leicht verletzte: Sie war auf dem Fluchtweg in den Schutzraum gestolpert. In Gaza hingegen sind schon mehr als 100 Menschen umgekommen. Während man den massiven israelischen Luftangriffen dort schutzlos ausgesetzt ist, verlassen sie sich in Tel Aviv auf das selbstentwickelte Raketenabwehrsystem. Erst am Freitag seien wieder drei Raketen über dem Großraum von Tel Aviv abgefangen worden, teilte die Armee mit.

An den Erfolg glaubte kaum einer

Die radikalislamische Hamas bekannte sich zu der Attacke und erklärte, vier Raketen vom Typ M 75 auf den Flughafen Ben Gurion am Stadtrand Tel Aviv abgefeuert zu haben. Zeugen in Tel Aviv berichteten, kurz nach dem Luftalarm vier oder fünf Explosionen gehört zu haben. Erstmals wurde Israel auch vom Libanon mit Raketen angegriffen. Doch auf "Iron Dome" war wieder Verlass.

Amir Perez, der heutige Umweltminister, gilt der Vater des Systems. Der ehemalige Gewerkschaftsboss war seinerzeit unfreiwillig Verteidigungsminister geworden und wurde von Militärs und der politischen Gegner belächelt. Er habe keine Ahnung, hieß es. Weltweit zur Lachnummer verkam er, als er bei einem Manöver mehrfach die Truppen durch seinen Feldstecher „beobachtete“, dabei aber übersah, dass der Deckel noch auf diesem steckte.

2006 aber erklärte Perez „Iron Dome“ zum wichtigsten Rüstungsprojekt überhaupt – gegen den erbitterten Widerstand der Generäle, die herablassend befanden, dass „diese paar Stück Blech“ nichts gegen Raketen ausrichten könnten. Den Auftrag erhielt der staatliche Rüstungstechnologiekonzern „Rafael“, ohne dass Armee und Regierung ihre gesetzlich vorgeschriebene Zustimmung gegeben hätten. Die Entwicklung des Systems kostete eine Milliarde Dollar und wird von den USA finanziell unterstützt. Jede von der „Eisenkuppel“ abgefeuerte Abwehrrakete kostet 40.000 Dollar. 

Der Erfinder ist populärer denn je

Bereits im November 2012, während der letzten großen Unruhe um den Gazastreifen, wurde Perez für den erfolgreichen Einsatzes von „Iron Dome“ gefeiert. Damals feuerten militante Palästinenser etwa 1500 Kurz- und Mittelstreckenraketen aus dem Gazastreifen in Richtung Israel ab. Davon fingen die Raketen von "Iron Dome", die nur bei Bedrohung bewohnter Gebiete aktiviert werden, 421 ab und verfehlten 58. Danach tauchte Perez in die Urtiefen der Opposition ab. Bis zur letzten Wahl. Nun ist er zurück, populärer denn je.

Sein Raketen-Abwehrsystem, das kann Mörsergeschosse und Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von vier bis 70 Kilometern abfange kann, weist eine Erfolgsquote von mehr als 90 Prozent auf. Jede der derzeit sechs Batterien besteht aus einem Radar, einer Feuerleitsoftware und drei Abschussvorrichtungen mit je 20 Abwehrraketen. Zur Abdeckung des gesamten israelischen Territoriums wären 13 Batterien erforderlich. Bis so viele im Einsatz sind, dürften noch Jahre vergehen.

Die Hamas vermittelt ein anderes Bild

Das System verfehlt praktisch keine weiterreichende Rakete, sofern sie in bewohntem Gebiet einzuschlagen droht. Bislang waren 27 Prozent aller Attacken auf die israelischen Großstädte gerichtet, auf Aschkelon, Aschdod und Beer Schewa ab, auf Tel Aviv und Jerusalem. Gezielt wurde damit auf fünf Millionen der insgesamt acht Millionen Israelis, getötet wurde niemand.

In Gaza vermitteln sie ein anderes Bild. Hier streiten Hamas und „Islamische Dschihad“ darüber, wer die Raketen Richtung Tel Aviv abgefeuert habe und wie viele Juden diese wohl getötet hätten. Das Hamas-Fernsehen zeigt zudem Bilder vom Tel Aviver Strand und behauptet, dass die „zioinistischen Siedler" dorthin geflüchtet seien. Tatsächlich halten sich viele Tel Aviver am Strand auf - um sich auszuruhen. Von dem Sirenengeheule lassen sich kaum stören. Trotzdem warnte Verteidigungsminister Mosche Ya´alon angesichts der Misserfolge der Raketenattacken auf die Städte vor „Gleichgültigkeit“, denn auch „Iron Dome“ könne keinen hundertprozentigen Erfolg garantieren.

 

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