Abwertung zum Dollar : Der schwache Euro schadet Deutschland

Deutschland profitiert vom Euro - das behauptet nicht nur Kanzlerin Merkel. Auf längere Sicht aber schadet eine schwache Währung auch der deutschen Exportindustrie: Weil der Druck nachlässt, innovativ zu sein. Ein Kommentar.

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EZB-Präsident Mario Draghi hat nichts gegen einen schwachen Euro..
EZB-Präsident Mario Draghi hat nichts gegen einen schwachen Euro..Foto: Boris Roessler/dpa

Angela Merkel gab sich überzeugt: „Deutschland profitiert vom Euro wie kaum ein anderes Land in der Europäischen Union“, erklärte sie 2011 im Bundestag. Das war auf dem Höhepunkt der ersten Griechenland-Krise, es ging wieder mal um Mehrheiten für ein Hilfspaket. Nun ist die Krise zurück. Die Kanzlerin würde den Satz vermutlich genauso wieder sagen. Aber hat sie recht damit?

Zumindest scheinen die Deutschen inzwischen ihren Frieden mit dem Euro gemacht zu haben. Eine Studie der GfK-Marktforschung brachte im März zutage, dass 57 Prozent den Euro für vertrauenswürdig halten, zwei Jahre zuvor waren es bloß 38 Prozent. Nur: Welchen Euro meinen sie damit? Vielleicht jenen, den Frankreichs Staatspräsident François Hollande kürzlich so lobte?

Frankreichs Präsident will ein Verhältnis 1:1

Der sagte nämlich: „Wenn ein Dollar einen Euro wert ist, macht das die Sache einfach gut.“ Hollandes Euro-Euphorie ist verständlich. Nach wie vor kämpft Frankreich gegen die Rezession. Hollande braucht Wachstum, um zumindest den Hauch einer Chance auf eine Wiederwahl zu haben. Dass der Euro rapide an Wert verloren hat, kann ihm nur recht sein. Es hilft der französischen Exportindustrie und macht seinen Job im Elysée-Palast leichter. Die Abwertung war auch das erklärte Ziel von EZB-Chef Mario Draghi, der damit seinem Heimatland Italien indirekt einen Dienst erwies.

Wobei der Euro mittlerweile selbst für französische Verhältnisse deutlich unterbewertet ist. Zumindest legen dies neue Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley nahe. Demnach entspricht der momentane Euro-Dollar-Kurs von rund 1,08 gerade mal der Leistungsfähigkeit der maroden griechischen Volkswirtschaft. Für Frankreich müsste der Kurs demnach bei 1,27 liegen, für Deutschland wäre ein Verhältnis von 1,59 angemessen.

Konkret heißt das: Der Euro ist für deutsche Verhältnisse um rund ein Drittel zu schwach. Wenn es keinen künstlich weichen Euro gäbe, müssten deutsche Betriebe ihre Waren außerhalb der Eurozone also wesentlich teurer anbieten. Umgekehrt hätten deutsche Verbraucher mehr von ihrem Geld, wenn sie importierte Güter kaufen oder zum Beispiel Urlaub in den USA machen. Die Stimmung in Deutschland wäre wohl eine andere, wenn nicht gerade der Ölpreis so niedrig wäre.

Klar, dass nicht nur der französische Präsident den schwachen Euro gut findet, sondern auch die deutsche Exportindustrie, die auch bei uns politisch das Maß der Dinge ist. Allerdings ist das eine sehr kurzsichtige Strategie. Denn die künstlich schwach gehaltene Währung wird auf lange Sicht Druck von den Unternehmen nehmen. Sie müssen weniger an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten als früher. Schon 2012 und 2013 sank die Produktivität pro Arbeitnehmer in Deutschland – das war ansonsten nur in den Finanzkrisenjahren 2008 und 2009 der Fall. Nicht aber in den 90er Jahren.

Auch sind die deutschen Unternehmen nicht so sehr gezwungen, Innovationen hervorzubringen, wie es zum Beispiel ihre Konkurrenten in der Schweiz tun müssen, die im Moment ganz besonders den Druck des harten Frankens spüren. Deutsche Autos und andere Produkte made in Germany sind gerade sehr gefragt. Aber wer sagt, dass dies auch in zehn Jahren noch der Fall sein wird?

Die deutsche Stärke ist nur relativ

Überhaupt die Schweiz. Wer einmal an der deutsch-schweizerischen Grenze unterwegs ist, der spürt, wie absurd verzerrend der schwache Euro aus deutscher Sicht ist. Die Kaufkraftunterschiede zwischen deutschen und Schweizer Konsumenten entsprechen dort schon längst nicht mehr den realen Verhältnissen.

Ganz abgesehen davon, dass die Exportindustrie eben nicht für ganz Deutschland steht. Marcel Fratzscher, der Präsident des DIW, wies gerade darauf hin, dass jeder zweite Deutsche über einen geringeren Reallohn verfügt als vor 15 Jahren. Das steht in Widerspruch zu dem generellen Gefühl, dass es Deutschland so gut geht wie seit langem nicht mehr.

Die deutsche Stärke aber ist relativ. Man kann auch die These vertreten, dass der derzeitige Boom nur das aufholt, was zwischen 2000 und 2005, als die deutsche Wirtschaft in den Jahren nach der Euro-Einführung stagnierte, ausgeblieben war. Die deutschen Unternehmen konzentrierten sich damals darauf, ihre Kosten im Vergleich zu den anderen Euro-Ländern zu senken. Im Ergebnis führte das auch zu einem Sinken der Nachfrage bei den Verbrauchern im Inland – ein Problem, das man von Griechenland her kennt. Und das auch in Deutschland nicht überwunden ist.

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