Abzug aus Afghanistan : Exit-Strategie mit vielen Unbekannten

Der Nato-Abzug aus Afghanistan birgt zahlreiche Risiken. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon warnt vor Illusionen.

Martin Gerner

Berlin - Optimismus verbreiten angesichts der Negativschlagzeilen aus Afghanistan – das hatten sich die Teilnehmer des Nato-Gipfels in Lissabon vorgenommen. Geht es nach der US-Regierung, sollen Ende 2014, alle Kampftruppen aus Afghanistan abziehen. Erste Kontingente deutscher Soldaten, so heißt es von Seiten der Bundesregierung, könnten bereits von 2012 an, kurz vor der Bundestagswahl, schrittweise das Land verlassen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte dagegen vor Illusionen: „Wir müssen uns von den Realitäten leiten lassen, nicht von irgendwelchen Zeitvorgaben.“ Alle machten in Lissabon gute Miene zu dem, was unverändert ein Szenario mit vielen Unbekannten ist.

Die Exit-Strategie für Afghanistan sieht auf dem Papier ähnliche Schritte vor, wie man sie aus dem Irak-Krieg kennt: Die Kampfhandlungen werden nach und nach für beendet erklärt. Teile der Kontingente werden abgezogen. Afghanische Polizei und Armee übernehmen den Hauptanteil an den Kämpfen. Der Rest der Nato-Truppen wird umbenannt in militärische Trainer, die zurückbleiben sollen, falls die Dinge anders laufen als geplant. Auch einige US-Sondereinheiten zum Anti-Terror-Kampf bleiben zurück.

„Inteqal“ – „Übergabe“ heißt das Zauberwort auf Persisch. Aber hier beginnen die Probleme, etwa dass nur 14 Prozent der afghanischen Polizisten und Armeeangehörigen lesen und schreiben können. Der Sprecher der Isaf-Truppen, der deutsche Brigadegeneral Josef Blotz, sagt: „Wir müssen mit Soldaten und Polizisten, die wir ausbilden, Alphabetisierungskurse machen, weil es beispielsweise einem Polizisten nicht möglich ist, einen Checkpoint zu betreiben, wenn er ein Autokennzeichen nicht lesen kann. Die Größenordnung der Aufgabe ist gewaltig.“ Nicht wenige Afghanen erscheinen unregelmäßig oder desertieren, unter anderem wegen schlechter Bezahlung. Ungemach droht auch, weil Positionen und Ämter oft unter der Hand gehandelt werden.

Aus Sicht von Mohammad Asem, Parlamentsmitglied aus der Provinz Baghlan, gibt es auch Schwachstellen in der Zusammenarbeit zwischen Nato und afghanischen Streitkräften: „Diese Einsätze haben noch keine positiven Ergebnisse gebracht, insbesondere wenn man die hohen Verluste der Zivilbevölkerung bedenkt. Es gibt keine gute Koordination.“ Conrad Schetter, Afghanistanexperte am Zentrum für Integrationsforschung, sagt, die afghanische Armee werde „im gesamten Aufbau sehr stark von den Amerikanern kontrolliert“. Das führe oft zu Konfrontationen. In einigen Fällen haben afghanische Soldaten sogar Nato-Soldaten mit der Dienstwaffe erschossen.

Isaf-Sprecher Blotz richtet den Blick trotzdem nach vorn. „Wir müssen einfach weitermachen, auch wenn es diese Enttäuschung und diese Unglücke gibt, denn es gibt keine Alternative dazu.“ Intern existiert schon eine Landkarte, auf der Abzug und Übergabe in Stufen eingezeichnet sind. Darauf sind 12 der 36 Provinzen eingefärbt, die schon im Frühjahr 2011 für die Übergabe an afghanische Sicherheitskräfte reif sein könnten, so Kabul und Badakhshan im äußersten Nordosten, wo deutsche Truppen stationiert sind.

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