Politik : Acht und Macht

Von Rüdiger Schaper

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Wenn in Berlin die Regierung wechselt und eine Frau Schröder einen Herrn Merkel ablöst – wen interessiert’s in Afrika? Wenn in zehn Metropolen dieser Welt, die angeblich immer kleiner wird und immer mehr zusammenwächst, zur gleichen Zeit Legionen von Popstars gegen Hunger und Armut trommeln und Milliarden Menschen durch die elektronischen Medien dabei sind – was bringt es den Hungernden, den Sterbenden?

Schon die Fragen sind tückisch. Und luxuriös. Ein Regierungschef mag hierzulande Vertrauen verspielen und Misstrauen bestellen. Damit sind wir monatelang beschäftigt, die Köpfe rauchen, die Krise boomt. Tunnelblick! Bob Geldof, der Initiator von Live 8, hat das bislang Unmögliche gefordert: Die reichsten Länder der Erde (Deutschland gehört dazu) müssen sich dem infernalischen Elend in Afrika stellen, schon im eigenen Interesse. In Afrika tickt eine Zeitbombe, ein politischer Alptraum. Geldof kämpft mit einer neuen Strategie. 1985, beim ersten LiveAid-Spektakel, wurde eine Menge Geld eingesammelt; man kann damit auch Schaden anrichten. Die gestern mit einem einzigartigen Spektakel losgetretene Kampagne greift nach einer wertvolleren Ressource: Es geht um nachhaltige Aufmerksamkeit, um Verantwortung, um den größten anzunehmenden Druck auf die politischen Führer des Westens, der sich mit friedlichen Mitteln erzeugen lässt.

Erinnern wir uns an den Tsunami in Südostasien: Die Spendenbereitschaft war überwältigend. Nach gut einem halben Jahr ist die Katastrophe aus dem Bewusstsein verschwunden. Nichts verfliegt so schnell wie Mitgefühl, nichts ist so kurzlebig wie Engagement, das mit Showeffekten generiert wird. Und das war gestern die größte Popshow aller Zeiten. Live 8: ein medialer, globaler Blitzkrieg zur Rettung von Millionen Menschen. Nichts für Ästheten. Nichts für satte Skeptiker. Man kann Live 8 als gigantomanische Farce abtun. Hat jemand eine bessere Idee?

Nie zuvor gab es eine mächtigere, eindrucksvollere Demonstration von Ohnmacht. Geldof, Bono & Co. tun nichts Falsches. Doch sie stehen vor einem doppelten Dilemma. Wissen wir jetzt mehr über den Kontinent, der für uns nur der „schwarze“ heißt? Was kann nach dem Superstar- und Weltrekordaufgebot des 2. Juli 2005 noch kommen? Ein Konzert auf dem Mond mit dem Papst und den Rolling Stones? Das ist das eine: Die Popstrategen haben womöglich einen blendenden Pyrrhussieg errungen. Angesichts der entsetzlichen Not klingen solche Befürchtungen kleinmütig, unpolitisch.

Denn das andere, das wahre Dilemma liegt in der erklärten Zielgruppe der Live- 8-Fanfaren, bei den G-8-Staats- und Regierungschefs. Sie verbarrikadieren sich nächste Woche auf einem Schloss in Schottland. G-8-Treffen sind der Gipfel der Sicherheit, der Abschottung. Live 8 setzt dagegen auf unbegrenzte Öffentlichkeit.

Wie Spiegelbilder wirken Live 8 und G 8, nicht nur phonetisch. Auch bei Bush, Blair & Co. liegen Macht und Ohnmacht dicht beieinander. Sie können den Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt beschließen. Nur: Können und wollen sie die internationalen Konzerne kontrollieren? Stürzen oder stützen sie die korrupten Machthaber in Afrika? Ein fürchterliches Szenario: Pop und Politik, in symbolischer Geste vereint. Und alles bleibt beim Alten.

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