Politik : Adriano Sofri: Keine Gnade für Führer von "Lotta Continua"

Werner Raith

Der italienische Kassationsgerichtshof hat in letzter Instanz den Wiederaufnahmeantrag der ehemaligen "Lotta-Continua"-Führer Adriano Sofri und Giorgio Pietrostefano im Falle des 1972 ermordeten Polizeikommissars Luigi Calabresi verworfen. Sofri - inzwischen ein angesehener Journalist - und Pietrostefano waren zusammen mit Ovidio Bompressi, der keine Revision mehr eingelegt hat und mittlerweile wegen Krankheit Haftverschonung genießt, nach insgesamt acht Prozessen zu jeweils 22 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Sofri (52), der bereits vier Jahren abgesessen hat (Pietrostefani ist untergetaucht), war von einem höchst widersprüchlichen "Kronzeugen" als "Anstifter" benannt worden - und zwar erst 16 Jahre nach der Tat. Alle drei Angeklagten hatten während der Verfahren zwar eingeräumt, dass die radikale Linke den Kommissar Calabresi wegen des dubiosen "Fenstersturzes" eines Anarchisten gehasst hat, eine Beteiligung am Mord aber stets bestritten.

Wegen schwerer Ermittlungspannen und Verfahrensmängel hatte der Fall nicht nur in Italien, sondern auch im Ausland große Aufmerksamkeit erregt, unzählige Unterschriftenlisten - auch aus Deutschland - forderten die Annullierung des Urteils. Zuletzt hatte das Internationale Schriftsteller-Parlament die Europäische Union zum Handeln im Fall Sofri aufgefordert. Es sei untragbar, dass jemand in Europa "ohne Beweise" für 22 Jahre in Haft müsse. Dem Aufruf schlossen sich auch Hans Magnus Enzensberger und der britische Schriftsteller Salman Rushdie an. Ein leitender italienischer Staatsanwalt hatte schwere Verfahrensmängel beanstandet und ebenfalls eine Neuverhandlung gefordert.

Frei kommen könnte Sofri nun nur noch durch einen Gnadenerweis des italienischen Staatspräsidenten. Er weigert sich aber, einen solchen zu erbitten.

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