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Ägypten : Anschlagserie auf Sinai-Halbinsel – mindestens 40 Tote

Bei einer Anschlagserie bisher ungekannten Ausmaßes auf der Halbinsel Sinai sind am Donnerstagabend mindestens 40 Menschen getötet worden. Zu den Attentaten hat sich ein Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" bekannt.

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Mitglieder der Sicherheitskräfte inspizieren am Freitag einen der Anschlagsorte.
Mitglieder der Sicherheitskräfte inspizieren am Freitag einen der Anschlagsorte.Foto: dpa

In Ägypten ist der blutige Konflikt zwischen radikalen Kommandos und den Sicherheitskräften weiter eskaliert. Bei einem Multiattentat der Terrorgruppe Ansar Beit al Maqdis auf dem Sinai, die sich im vergangenen November dem „Islamischen Staat“ angeschlossen hatte, sind mindestens 30 Menschen gestorben und weit mehr als 100 verletzt worden.

Nie zuvor hatte es eine solche Anschlagsserie gegeben

Nie zuvor war auf ägyptischem Boden ein so komplexes Großattentat mit mehr als zwei Dutzend simultanen Angriffen und Autobomben ausgeführt worden wie in der Nacht zum Freitag im Norden der unruhigen Halbinsel. Die Angreifer nahmen gleichzeitig die Polizeizentrale der Stadt Al Arisch unter Feuer und eine Kaserne bei Rafah, einen Offiziersklub, mehrere Straßensperren in Scheik Suwajid sowie Wohnsiedlungen von Soldaten und Polizisten.

Auf einem Video sind das Knattern automatischer Waffen zu hören und Explosionen nach Raketeneinschlägen sowie lichterloh brennende Fenster zu sehen. Mehrere Gebäude kollabierten, in der gesamten Stadt Al Arisch brach die Stromversorgung zusammen. Viele Opfer, darunter mindestens zwei Kinder, waren beim Fernsehen überrascht worden, während sie das Spitzenspiel der ägyptischen Fußballliga zwischen den Kairoer Lokalrivalen Ahly und Zamalek anschauten. Staatschef Abdel Fattah al Sisi brach seinen Besuch in Äthiopien ab und kehrte am Freitag nach Kairo zurück. Hubschrauber kreisten tagsüber am Himmel über der Hauptstadt.

Im Norden gilt seit Monaten eine Ausgangsperre

Auf dem Nordsinai herrscht seit drei Monaten eine strikte Ausgangssperre, nachdem im Oktober bei einem Großangriff auf einen Militärstützpunkt 30 Soldaten getötet worden waren. Hunderte Menschen wurden seither verhaftet, zahlreiche Dörfer mit Kampfhubschraubern bombardiert. In Rafah begann die Armee mit der Demolierung von mehr als 1000 Wohnhäusern entlang der Grenze zum Gazastreifen, um durch eine Pufferzone das Einsickern von radikalen Kämpfern und den Waffenschmuggel durch die unterirdischen Tunnel zu stoppen.

Die Terroristen betreiben massive Propaganda

Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte jedoch bringt die Sinai-Bewohner immer stärker gegen die Zentralregierung in Kairo auf, von der sie sich seit Jahrzehnten vernachlässigt fühlen. Jede Woche stellen die Extremisten neue Videos ins Netz, die Exekutionen von Polizisten zeigen, eigene Straßensperren und eigene Trainingscamp auf dem Territorium der zerklüfteten Halbinsel. Die Bilder sollen demonstrieren, dass die Regierung die Kontrolle über Teile des Sinai faktisch verloren hat, während die IS-Terrorkader immer stärker werden.

Dagegen unterstrich der Sprecher der ägyptischen Streitkräfte auf seiner Facebook-Seite „die Erfolge von Armee und Polizei bei ihren jüngsten Aktionen gegen terroristische Elemente auf dem Nord-Sinai“.

Die Polizei schießt im ganzen Land immer wieder auf friedliche Demonstranten

Auch seien die Muslimbruderschaft und ihre Unterstützer damit gescheitert, am vierten Jahrestag der „glorreichen Revolution“ vom 25. Januar 2011 Chaos zu sähen. Bei Protesten gegen die militärgestützte Führung unter Ex-Feldmarschall Sisi waren am vergangenen Sonntag in ganz Ägypten mindestens zwanzig Menschen gestorben, fast alle durch Kugeln der Polizei, die mittlerweile ohne Hemmungen auf friedliche Demonstranten schießt.

International Schlagzeilen machte vor allem der Fall der 33-jährigen Shaimaa Sabbagh, die zusammen mit einer Handvoll Aktivisten von der „Partei der sozialistischen Volksallianz“ auf dem Tahrir-Platz in Kairo Blumen für die Opfer des 18-tägigen Volksaufstands gegen den Diktator Hosni Mubarak niederlegen wollte. 500 Meter von dem hermetisch abgeriegelten Kreisverkehr entfernt vor einem bekannten Café der Innenstadt wurde die Mutter eines kleinen Sohnes während eines Polizeieinsatzes erschossen.

Die Bundesregierung ist besorgt über die Entwicklung

Die Bundesregierung verurteilte die Terroranschläge auf dem Sinai scharf. „Wir beobachten mit großer Sorge die sich verschlechternde Sicherheitslage in der Region“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin. „Unser tiefes Mitgefühl gilt den Familien der Opfer, den Verwundeten sowie der ägyptischen Regierung und ihrer Bevölkerung.“

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