Ägypten : Das alte Regime ist noch lange nicht am Ende

Betrügen die Generäle das Volk? Viele Ägypter fürchten, die Todesmeldung Mubaraks könnte inszeniert gewesen sein. Am Donnerstag wird der neue Präsident bekannt gegeben. Das Land könnte wieder in Turbulenzen stürzen.

von
Anhänger des Präsidentschaftskandidaten der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, bei Protesten in Kairo
Anhänger des Präsidentschaftskandidaten der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, bei Protesten in KairoFoto: reu

Plötzlich schallt Jubel über den Tahrir-Platz. Aus tausenden Kehlen bündeln sich die Schreie, Feuerwerksraketen jagen in den schwülen Nachthimmel. Menschen vollführen kurze Freudentänze, andere liegen sich in den Armen, wieder andere reagieren still und betreten. Hosni Mubarak sei klinisch tot – wie ein Lauffeuer verbreitete sich eine Stunde vor Mitternacht die Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Mena auf dem legendären Kreisverkehr im Herzen Kairos. Zehntausende hatten sich dort eingefunden, meist Muslimbrüder und Salafisten, um gegen die Auflösung des Parlaments, den Obersten Militärrat und dessen jüngste Selbstermächtigung per Sammeldekret zu protestieren.

Bildergalerie: Ägyptens Langzeitherrscher Mubarak

Mubarak - Ägyptens Langzeitherrscher
Fast 30 Jahre lang herrschte Husni Mubarak über Ägypten. Im Zuge des Arabischen Frühlings im Frühjahr 2011 trat er zurück. Im Juni 2012 wurde Mubarak zu lebenslanger Haft verurteilt.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: reu
20.06.2012 01:22Fast 30 Jahre lang herrschte Husni Mubarak über Ägypten. Im Zuge des Arabischen Frühlings im Frühjahr 2011 trat er zurück. Im Juni...

„Nieder mit der Militärherrschaft“, skandierten sie und „Das Parlament ist rechtens“. Andere schworen „beim Blut der Märtyrer, wir werden eine neue Revolution machen“. Eltern hatten ihre Kinder mitgebracht, manche Mütter ihre Neugeborenen auf dem Arm, viele ließen sich die Farben der Flagge Ägyptens auf die Backen malen, andere trugen Fotos von Mohamed Mursi um den Hals, dem wahrscheinlichen Sieger im Präsidentschaftsrennen um die Nachfolge von Mubarak.

Nach Mitternacht sahen sich Militärrat und Innenministerium dann genötigt, die Alarmmeldungen zu Mubaraks „klinischem Tod“ zurechtzurücken. „Alles Unsinn“, kanzelte General Said Abbas die Fragesteller ab. Sein Kollege General Mamdouh Shaheen erklärte, der 84-jährige Ex-Präsident habe einen Herzinfarkt erlitten und ein Blutgerinnsel im Gehirn. Am Mittwochnachmittag ließen die behandelnden Ärzte dann durchsickern, Mubarak liege in gar keinem tiefen Koma, seine Organe funktionierten. So wächst bei den verunsicherten Bürgern der Verdacht, das nächtliche Drama sei inszeniert worden, um den Ex-Präsidenten nach 17 Tagen Haft ohne große öffentliche Proteste aus dem Toragefängnis herauszubekommen, wo er seit 2. Juni inhaftiert ist.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben