Politik : Ägypten: Das Bild eines langbärtigen Mannes spaltet die Nation

Andrea Nüsse

Die Kopten in Ägypten sind in Aufruhr. Seit Sonntag demonstrieren sie landesweit gegen die Veröffentlichung einer angeblichen Sex-Geschichte eines Mönchs auf der Titelseite zweier Zeitungen. Dabei kam es am Sonntagabend nach einer Protestversammlung in der Kathedrale von Kairo, an der 3000 bis 4000 Christen teilgenommen hatten, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sechs Polizisten wurden verletzt. Nun hat das koptische Oberhaupt, Papst Shenuda III., eingegriffen und Anzeige gegen die Zeitungen erstattet.

Die Zeitungen "Al-Naaba" und "Akher Khabar" hatten auf der Titel- und auf den Innenseiten zahlreiche Fotos eines langbärtigen Mannes in kompromittierender Lage mit einer nackten Frau gezeigt. Die Zeitungen behaupteten, es handele sich bei dem Mann um einen Mönch des Kloster al-Moharraq bei Assiut. Er soll Frauen verführt und dann mit Videos und Fotos erpresst haben. Die Polizei hat den Mann vergangene Woche festgenommen. Die koptische Kirche erklärte, der ehemalige Mönch sei 1996 wegen des "Verstoßes gegen die Traditionen der Kirche und das Klosterleben" exkommuniziert worden. Weitere Einzelheiten wurden nicht genannt. Seine "Fehler" habe er außerhalb der Kirche begangen, und sie dürften nicht in Verbindung mit dem koptischen Mönchstum gebracht werden.

Die Affäre erhitzt die Gemüter in einer bereits aufgewühlten Situation. Die Stellung der Kopten in Ägypten, die nach Angaben der Regierung höchstens sechs Prozent der 65 Millionen Einwohner ausmachen, war bereits während des Prozesses gegen den Menschenrechtler Saad Eddin Ibrahim monatelang in den Schlagzeilen. Ibrahim, der sich unter anderem für die Rechte der Kopten einsetzt, war im Mai zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Am Montag teilte das Gericht mit, die Verurteilung Ibrahims sei auf seine "falschen" Angaben über die Situation der Kopten zurückzuführen. Das Gericht warf Ibrahim vor, er habe in Berichten an das Ausland davon gesprochen, die Kopten würden von Islamisten bedrängt und fühlten sich in Ägypten nicht mehr sicher. Die unappetitliche Geschichte der Nacktphotos bestärkt viele Kopten in dem Glauben, dass Ibrahim Recht hat.

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