Ägypten : Duell in Kairo

Erneut gehen die Gegner und Unterstützer von Präsident Mohammed Mursi auf die Straße - auf getrennten Routen marschieren sie zum Palast des Staatschefs in Kairo.

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Auf dem Tahrir-Platz haben sich die Gegner von Staatspräsident Mursi versammelt. Foto: rtr
Auf dem Tahrir-Platz haben sich die Gegner von Staatspräsident Mursi versammelt.Foto: rtr

„Oh Allah, rette Ägypten“ titelte eine von Kairos Zeitungen. Über der Hauptstadt schwebte am Dienstag wieder die Angst vor neuen, schweren Krawallen. Alle Schulen blieben geschlossen, während zehntausende Anhänger der beiden rivalisierenden Lager, Islamisten und Säkulare, in getrennten Routen zum Präsidentenpalast im Stadtteil Heliopolis marschierten. Vor dem Amtssitz von Präsident Mohammed Mursi hatte die Republikanische Garde die neu errichteten Betonmauern noch einmal erhöht und verstärkt. Auf den Straßen wurden die Einheiten der Bereitschaftspolizei durch Soldaten verstärkt. Staatschef Mursi hatte tags zuvor den Einsatz der Armee im Inneren per Dekret erlaubt, um die innere Ordnung und das öffentliche Eigentum zu schützen. Verteidigungsminister Abel Fattah al Sisi rief Offiziere und Mannschaften auf, bei ihrem Vorgehen „allerhöchste Zurückhaltung“ zu praktizieren.

Vor einer Woche war es nach rivalisierenden Demonstrationen vor dem Amtssitz Mursis zu schweren Ausschreitungen gekommen, bei denen acht Menschen starben und über 700 verletzt wurden. Wie die Zeitung „New York Times“ berichtete, errichteten Muslimbrüder damals in der Nähe des Präsidentenpalastes ein eigenes provisorischen Gefangenenlager, wo sie rund 50 Gegendemonstranten fesselten, verprügelten und zu dem Geständnis zwingen wollten, sie seien von alten Regimegrößen bezahlte Gewalttäter. 24 Stunden später brüstete sich Mohammed Mursi in einer Fernsehansprache, er verfüge über schriftliche Geständnisse von Festgenommenen, sie hätten Verbindung zu Vertretern der politischen Opposition und Geld für ihre Randale bekommen.

Aufgerufen zu dem neuerlichen hochbrisanten Duell von Großkundgebungen am Dienstag hat zum einen die „Allianz der islamischen Kräfte“, der Muslimbrüder, Salafisten und ein Dutzend kleinere Gruppen angehören. Sie unterstützt die Entscheidung von Staatschef Mursi, über die Verfassung am kommenden Samstag per Volksentscheid abstimmen zu lassen. Ihre säkularen Kontrahenten gehören zur sogenannten „Nationalen Rettungsfront“. Deren Sprecher, Friedensnobelpreisträger Mohammed al Baradei, erklärte gegenüber dem Sender BBC, man werde weiterhin „mit Haut und Haaren“ gegen das Referendum am kommenden Samstag kämpfen. Er forderte erneut, das Votum wegen der chaotischen Lage um einige Monate zu verschieben. Die Opposition kritisiert den Verfassungsentwurf als zu einseitig islamistisch und sieht die persönlichen Freiheitsrechte, die Rechte von Frauen und von religiösen Minderheiten nicht ausreichend verankert. Bisher jedoch haben sich ihre Spitzenpolitiker noch nicht öffentlich festgelegt, ob sie das Referendum – falls es Samstag wie geplant stattfindet – boykottieren oder ihre Anhänger zu einer Nein-Stimme aufrufen wollen.

Am Dienstagmorgen eröffneten maskierte Männer auf dem Tahrir-Platz das Feuer auf Mursi-Gegner, die seit Tagen auf den Raseninseln des Kreisverkehrs in Zelten campieren. Neun Menschen wurden nach Angaben von Ärzten durch Schrotkugeln an Armen und Beinen verletzt, Teile von Zelten durch einen Molotowcocktail in Brand gesteckt. Die Täter konnten fliehen. Anschließend postierte die Polizei für einige Zeit Mannschaftswagen an den Zufahrtsstraßen des Platzes, die von den Demonstranten bereits vor Tagen mit Sandsäcken, Stacheldraht und Eisengittern verbarrikadiert worden waren.

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