Ägyptisches Tagebuch : "Wir haben Mauern der Angst durchbrochen"

Mohamad Kandel, ein 23-jähriger Anwalt aus Kairo, schildert seine persönliche Sicht auf den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak und die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt Kairo.

Mohamad Kandel

„Ich höre unsere Nationalhymne und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich, dass sie wirklich uns gehört. Meine Nationalhymne, mein Land! Immer noch finde ich es unglaublich, was passiert ist. Wer war der Anführer dieser Revolution? Niemand! Welche soziale Schicht hat sie angeführt? Keine! Steckt ein fremdes Land dahinter? Nein! Ich höre noch, wie meine Professoren sagen, das Zeitalter der Revolutionen sei vorüber. Auf dem Tahrir-Platz habe ich etwas anderes gesehen: Die Reichen, die Armen, die Aristokraten, das Bürgertum, Muslime und Christen – alle waren Teil dieser Revolution. Wir, das gesamte Volk, haben uns geweigert, vor Mubaraks Hunden niederzuknien, vor dem Innenministerium, das man als Ministerium des Terrors bezeichnen sollte, wegen all der schmutzigen und niederträchtigen Arten, den Willen der Ägypter zu brechen. Aber jetzt sind sie es, die gefallen sind! Seit dem 25. Januar schreibt mein Volk ein erhabenes Epos. Wir haben Mauern der Angst durchbrochen und haben die dunkle Macht wie einen Blitz getroffen.

Am Freitagabend, als die Jubelschreie zu hören waren und alle ihr Glück kaum glauben konnten, war ich sprachlos. Ich spürte sofort: Diese Situation ist so viel größer als ich!

Natürlich, dieser Sieg wurde von der Jugend gemacht. Es waren junge Leute, die zu den Demonstrationen aufriefen. Es waren junge Leute, die ihr Leben auf einem Silbertablett übergeben haben – für unser Land. Als nach der zweiten Rede von Mubarak am 1. Februar so viele Menschen meinten, jetzt sei es aber genug, weigerten sie sich aufzugeben und den Tahrir-Platz zu verlassen. Es waren auch junge Leute, die ruhig blieben, als man sie „Verräter“ nannte. Und die ihre Häuser schützten, als die Polizei schändlich verschwand.

In diesen Tagen habe ich den Tahrir-Platz in „die Utopie“ umbenannt. Es herrschte ein Geist der Kooperation, Freundschaft, Liebe, Akzeptanz und des Respekts. Menschen haben sich für andere aufgeopfert, um für ihre Rechte und ihre Sicherheit zu kämpfen. Ich habe so viel Solidarität gespürt. Und wer hat all das angefangen? Die Jugend!

Aber auch das Militär ist Teil des Erfolgs dieser Revolution. Ich musste in diesen Tagen an die Ereignisse in China 1989 denken, wo das Militär den Volksaufstand auf dem Tiananmen-Platz gewaltsam niederschlug. Ich hatte Angst, dass sich das bei uns wiederholt. Die Ausgangsbedingungen waren ähnlich, aber unsere Armee verhielt sich anders. Gott sei Dank ist unsere Armee sehr patriotisch.

Jetzt bin ich eher glücklich als optimistisch. Analysen sind schwierig, weil wir nicht wirklich wissen, wie der Militärrat sich verhalten wird. Ist es wirklich der Wille der Armee, die Regierungsgeschäfte des Landes zum ersten Mal seit 59 Jahren in die Hände von Zivilisten zu legen? Ich glaube fest an das, was der französische Diplomat Jules Mazarin sagte: Man sollte Generäle nicht nach Antworten in politischen Angelegenheiten fragen, denn ihre Sprache ist Gewalt und Krieg. Wir haben genug von Generälen und brauchen jetzt einen neuen Weg, Ägypten zu regieren, keinen militärischen. Aber im Moment hat eigentlich niemand – auch ich nicht – Lust auf solche Analysen. Endlich haben wir Grund zur Freude. Und wir wollen unsere Freiheit feiern. Es ist ein historischer Moment. Es ist eine große Chance für Ägypten, um das Land und uns selbst zu verbessern.

Wer wird nun wohl der nächste sein? Bouteflika in Algerien oder Gaddafi in Libyen oder Abdullah II in Jordanien oder Assad in Syrien? Oder vielleicht alle von ihnen? Ich glaube daran: Der Frühling der arabischen Völker hat begonnen!

Ich glaube, unsere Art über das politische Leben im Nahen Osten nachzudenken, hat sich für immer verändert. Wir sind die Vorreiter einer neuen Ära. Und die Araber, die in der Vergangenheit eine einzigartige Zivilisation geschaffen haben, werden sich in den nächsten Jahren neu erfinden.

Protokolliert von Karin Schädler.

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