Politik : Ärger in Schweden wegen Baltic Storm Deutsche Filmproduzentin will den Untergang der „Estonia“ erklären

Es war das schwerste Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte – und entwickelte sich zu einem Polit-Krimi: 852 Menschen starben am 28. September 1994 beim Untergang der Ostseefähre Estonia vor der finnischen Südwestküste. Das Schiff war auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm. Nur 137 Passagiere überlebten. Die meisten Toten wurden nicht geborgen. Rund neun Jahre später hat an diesem Montag in Berlin ein Film Premiere, der laut Produzentin Jutta Rabe zum ersten Mal eine plausible Erklärung für das Geschehen bieten will.

„Wir haben ein Puzzle zusammengesetzt, auf Basis von Fakten, die belegbar sind. Das hat vor uns niemand versucht“, sagte Rabe dem Tagesspiegel.

Bereits vor der Premiere gab es in Schweden Wirbel. Eine Angehörigen-Gruppe bat darum, den Film vorab bei einem Treffen im Vasa-Museum in Stockholm sehen zu dürfen. „Die Museumsleitung hat die Aufführung in dem öffentlichen Gebäude untersagt. Zur Begründung hieß es, der Film ergreife Partei“, sagte Rabe. Interessant daran sei, dass der Film zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig gewesen sei, ihn also auch niemand gesehen habe konnte. „Und natürlich ergreift er Partei. Schließlich ist es ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm.“

Große Teile der Handlung von „Baltic Storm“, der am 16. Oktober in Deutschland anläuft, beruhen auf Erlebnissen der Fernsehjournalistin und des Hinterbliebenen-Anwalts Henning Witte. Der Film handelt von einer deutschen TV-Journalistin, die in Tallinn versucht, Waffenschmuggel aufzudecken. Bei ihren Recherchen verpasst sie knapp das Fährschiff MS Estonia, das kurz darauf mit zwei Lastwagen-Ladungen High- Tech-Waffen an Bord im Meer versinkt. Die Frau lernt einen Überlebenden kennen und will mit ihm die Zusammenhänge zwischen den Waffentransporten und dem Untergang aufdecken. Die Hauptrollen in der deutsch- britischen Produktion spielen Jürgen Prochnow, Greta Scacci und Donald Sutherland.

Nach dem Untergang der Estonia hatte es in Estland, Finnland, aber vor allem in Schweden heftige Debatten gegeben. Viele Angehörige forderten, das Wrack zu heben, um die Unglücksursache zu klären und die Toten zu bergen. Zu den Gründen des Untergangs gab es viele Spekulationen – von Konstruktionsfehlern des Schiffes bis hin zu Attentatstheorien. Mehrere Überlebende hatten von Explosionen kurz vor dem Untergang berichtet. Etliche Experten vertraten die Ansicht, dass die Fähre ungewöhnlich schnell gesunken sei. Auch mehrere Gutachten konnten die Katastrophe nicht eindeutig klären. Offiziell gilt als Hauptursache ein defektes Bugtor.

Rabe begann ihre Recherchen am Tag nach dem Untergang – und wurde nach eigener Aussage mehrfach bedroht: „In mein Hotelzimmer in Tallinn wurde eingebrochen, ein Fön so manipuliert, dass er in der Hand explodieren sollte. Und das Büro eines Interviewpartners wurde verwüstet – in der Wand steckte eine Axt." Außerdem sei sie auf der Überfahrt von Tallinn nach Stockholm von fünf Männern aufgefordert worden, „nicht weiter im Dreck rumzuwühlen“. In Schweden besteht gegen Rabe ein Haftbefehl wegen „Schändung des Grabfriedens“. „Das ist natürlich absolut lächerlich. Aber so hindert mich die schwedische Regierung an der Einreise.“ Anwalt Witte, der nach eigenen Angaben mehr als 1000 Hinterbliebene vertritt, sagte: „Die Angehörigen stehen zu einer großen Mehrheit hinter dem Film.“

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