Politik : Ärger über „Mitläufer“

NAME

Von Peter Siebenmorgen

Als Edmund Stoiber vor drei Wochen seine Wirtschaftskompetenz in Gestalt von Lothar Späth der Öffentlichkeit vorstellte, da war das Staunen groß. Obwohl über diese Personalie zuvor bereits seit längerem spekuliert wurde, war dem Kanzlerkandidaten der Union ein Coup gelungen. Entsprechend groß waren dann auch Andrang und Wissbegierde in der Bundespressekonferenz, als Späth – von Stoiber und Frau Merkel eingerahmt – seine Ideen zur Wirtschaftspolitik und zum Aufbau Ost präsentierte.

Im Trubel des Tages ging dabei völlig unter, wie Stoiber bei der Vorstellung seines Schatten-Wirtschaftsministers en passant eine Bemerkung herausrutschte, die durchaus als Beleidigung von Schröders Bundeskabinett empfunden werden kann. Er titulierte die derzeit amtierenden Minister der rot-grünen Regierung nämlich allesamt als „Mitläufer". Nur einem der derart Titulierten ist das aufgefallen: Werner Müller, der amtierende parteilose Wirtschaftsminister. Und der hat sich in seiner Studienzeit nicht nur mit wirtschafts-, sondern auch mit sprachwissenschaftlichen Fragen ausgiebig beschäftigt. Er schrieb einen Brief an Edmund Stoiber, indem er sich gegen diese Beleidigung verwahrt: „Denn den entschieden politischen Gebrauch hat die Personenbezeichnung ,Mitläufer’ im Laufe der so genannten ,Entnazifizierung’ erhalten, was Ihnen aus Ihrer Jugendzeit noch geläufig sein dürfte.“ Eine Antwort, gar eine Entschuldigung hat Müller bis heute nicht erhalten.

Indirekte Rückendeckung bekam Müller von dem Institut für deutsche Sprache. „In jüngster Zeit“, schreibt das Institut, „werden mit ,Mitläufer’ gelegentlich auch Personen stark negativ wertend charakterisiert, von denen man annimmt, dass sie dem Terrorismus allgemein und insbesondere militanten, autonomen o.ä. Gruppen aus Überzeugung wohlwollend gegenüberstehen oder sich mit ihnen solidarisieren und sie unterstützen.“ Anders als handelsübliche Schmähungen in der Politik zielt dieser Begriff also nicht etwa auf Inkompetenz oder schlechte Amtsführung. Vielmehr ist damit eine ausgesprochen negative moralische Bewertung der charakterisierten Person ausgesprochen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar