Politik : Ärger ums Seelenheil

Das türkische Außenministerium verdächtigt eine Delegation der deutschen evangelischen Kirche, Muslime missionieren zu wollen

Thomas Seibert[Istanbul]

Christliche „Missionare“ sind alles andere als willkommen in der Türkei. Die islamisch geprägte Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan betrachtet sie als Gefahr für das Seelenheil der 70 Millionen türkischen Muslime. Jetzt ist eine Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei einem Besuch des Landes in den Verdacht geraten, Muslime bekehren und den türkischen Staat untergraben zu wollen.

Dass sich die EKD-Delegation bei dem Besuch im Juni im Osten der Türkei unter anderem über die Lage irakischer und iranischer Flüchtlinge informieren wollte, machte die türkischen Behörden misstrauisch. Nach Presseberichten gab das Außenministerium in Ankara der türkischen Botschaft in Berlin die Anweisung, die deutschen Kirchenleute zu „warnen“ und sie aufzufordern, auf den Abstecher in diese Region zu verzichten. Die Regierung habe das Vorhaben als „unerwünscht“ betrachtet, hieß es in Ankara. Die EKD-Vertreter reisten trotzdem in die Osttürkei.

Als sie anschließend in Ankara mit Abgeordneten sprechen wollten, waren diese bereits über die angeblichen dunklen Absichten der Deutschen ins Bild gesetzt worden. Türkischen Medien zufolge wies das türkische Außenministerium in einem vertraulichen Schreiben an die Parlamentarier auf geheimdienstliche Erkenntnisse hin. Danach soll sich die Evangelische Akademie Bad Boll bei Stuttgart für die Aufhebung des Verbots der Kurdenorganisation PKK in Deutschland eingesetzt und eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern in der Türkei Anfang des vergangenen Jahrhunderts gefordert haben. „Unmittelbar gegen die Türkei gerichtet“ seien diese Aktivitäten, hieß es. Diese Bewertung erregte Verstimmung zwischen den beiden Hauptstädten. Wenn das türkische Außenamt und der Geheimdienst MIT tatsächlich solche Beurteilungen verbreitet hätten, dann sei dies „ein sehr ernstes Problem“, hieß es dazu in der deutschen Botschaft in Ankara.

Erschwerend kam hinzu, dass die türkischen Behörden die deutschen Protestanten für christliche Fundamentalisten hielten – offenbar verwirrt vom Begriff „Evangelisch“ brachten sie die Deutschen mit den Evangelikanern in Zusammenhang, den christlichen Hardlinern in den USA. Vielleicht waren die türkischen Abgeordneten deshalb so schlecht zu sprechen auf die EKD-Delegation. Der Parlamentarier Cavit Torun aus Erdogans Regierungspartei AKP schimpfte jedenfalls, die deutschen Christen verstärkten besonders bei desillusionierten Jugendlichen im Südosten ihre Missionarstätigkeiten. Diesen „Missionarsvorwurf“ wies eine EKD-Sprecherin in Hannover indes „auf das Schärfste“ zurück. Die EKD betreue in der Türkei lediglich ihre eigenen Mitglieder.

Ob die Kirche damit die Gemüter in der Türkei beruhigen kann, ist ungewiss. Schließlich gehört Ministerpräsident Erdogan selbst zu den schärfsten Kritikern der angeblichen Missionare.

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