Politik : Ärzte in der Ukraine schlagen wegen Aids Alarm

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Barcelona/Kiew (dpa/tro). Im Kampf gegen die tödliche Immunschwäche Aids sind jährlich künftig etwa zehn Milliarden Dollar nötig. 2002 kommen nach Angaben des Aids-Bekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen (UNAIDS) nur rund 3 Milliarden Dollar zusammen. „Unser ehrgeiziges Ziel ist es, diese Summe in jedem Jahr um 15 Prozent zu steigern“, sagte UNAIDS-Chef Peter Piot am Sonntag zum Start der 14. Welt-Aidskonferenz im spanischen Barcelona. Etwa zwei Drittel dieser Summe müssten von den reichen Ländern aufgebracht werden. Die tödliche Immunschwäche drohe ganze Länder Afrikas zu destabilisieren. Dies könne sich für die Industriestaaten zu einem ernsten Sicherheitsrisiko auswachsen. Allerdings müssten auch die betroffenen Länder mehr Geld in Vorsorge und Behandlung der Infizierten investieren. Im Laufe des Treffens mit rund 15 000 Teilnehmern sollen aussagefähige Daten zu einer neuen, vierten Substanzklasse zur Bekämpfung von Aids vorgestellt werden.

In Europa hat die Ukraine die höchste Infektionsrate und ist damit das Land mit den größten Problemen. Auf 300 000 Menschen, rund ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung, schätzen die UN die Zahl der Virusträger im zweitgrößten Flächenstaat des Kontinents. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Infizierungsrate bei 0,1 Prozent. In den Provinzen im Süden und Osten der Ukraine ist schon jeder 50. Erwachsene infiziert: Allein in Odessa wird die Zahl der HIV-Träger auf 15 000 geschätzt.

Von einer „sehr alarmierenden Situation“ spricht Joost van der Meer, Leiter des Büros von „Ärzte ohne Grenzen“ in der Hauptstadt Kiew: „Die Epidemie explodiert." Durchschnittlich einen Monat haben die totgeweihten Patienten in dem früheren Isolationszentrum für Syphilis- und Lepra-Kranke am Rande der südukrainischen Hafenstadt Odessa noch zu leben. Auf den Pritschen der drei heruntergekommenen Schlafsäle finden lediglich 25 Sterbende Platz. Auf der Wiese nebenan sei eigentlich „schon lange“ der Bau einer neuen Aidsklinik geplant, doch noch immer sei der erste Spatenstich nicht getan, berichtet Wladimir Musijenko, der stellvertretende Leiter der Aidsklinik von Odessa: „Wir haben zwar das Wissen. Aber für eine bessere Behandlung fehlen uns einfach die Mittel."

Relativ spät wurden in der damaligen Sowjetunion die ersten HIV-Infektionen registriert. In der Ukraine sei das Virus 1987 erstmals bei einem ausländischen Matrosen in Odessa festgestellt worden, erinnert sich Musijenko. Auch in der Folgezeit beschränkten sich Neu-Infektionen in der Ukraine auf einige Dutzend Fälle im Jahr. Erst als das HIV-Virus Mitte der 90er Jahre auf die Drogenszene übergriff, sei es in zu einem „richtigen Problem“ geworden, sagt Musijenko: So schnellte 1995 die Zahl der Infektionen in Odessa um das 15fache nach oben.

Die sich rasch verschlechternde Wirtschaftslage, die zunehmende Arbeits- und Orientierungslosigkeit ließ den Drogenhandel in den früheren Sowjetrepubliken bald florieren. Genauso wie in den von Aids stark betroffenen Ländern Afrikas und Asiens hat sich das HIV-Virus auch in der Ukraine sowohl durch sexuelle Kontakte als auch durch infizierte Nadeln verbreitet. Doch keineswegs beschränkt sich der Kreis der Betroffenen auf die Risikogruppe der Fixer. Galten 1999 noch vier Fünftel der HIV-Träger als Drogenkonsumenten, habe sich deren Anteil bei den Neu-Infektionen auf die Hälfte reduziert, berichtet Alla Scherbinskaya, die Leiterin des staatlichen Zentrums für Aidsbekämpfung in Kiew. Das Virus werde nun mehr und mehr durch heterosexuelle Kontakte übertragen.

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