Ärzte-TÜV : In der Praxis umstritten

Qualitätssicherung in der Medizin: Krankenkassen wollen Ärzte von Patienten öffentlich benoten lassen – deren Verbände protestieren.

Andrea Dernbach
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Ärzte-TÜV – für Krankenhäuser gibt es ihn schon in Teilen. Jetzt sollen auch die Leistungen der Mediziner in den Praxen von...

Berlin - Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) wollen die Qualität der Ärzte künftig von deren Patienten, ihren Versicherten, bewerten lassen – über ein eigenes Portal im Internet. Und was Deutschlands mitgliederstärkste Kasse ab Ende des Jahres vorhat, könnte Schule machen. Auch andere große gesetzliche Krankenversicherer denken an einen Praxen-TÜV durch die Kunden.

So steht zum Beispiel die Barmer Ersatzkasse diesem Instrument „durchaus offen gegenüber“. Barmer-Sprecherin Susanne Rüsberg-Uhrig sagte dem Tagesspiegel, am Echo auf den Krankenhausnavigator der Barmer im Netz könne man merken, „dass der Bedarf durchaus da ist“. Es könne allerdings nicht darum gehen, dass die Patienten pauschal Ärger oder Zufriedenheit äußerten. „Nur wenn Ärzte und Wissenschaftler einen Kriterienkatalog entwerfen, kann das ein sinnvolles Instrument sein.“ Auch der GKV-Spitzenverband, die Vertretung der gesetzlichen Krankenkassen, äußerte sich positiv. Man könne sich nicht konkret zum AOK-Modell äußern, das man bisher nur aus den Medien kenne. „Wir begrüßen aber alles, was zu mehr Transparenz und besserer Versorgung führt“, sagte Verbandssprecher Florianz Lanz.

Die Techniker-Krankenkasse hat schon Erfahrung mit der Nutzung von Patientenerfahrungen, bisher allerdings nur in der stationären Versorgung. Die Befragung von Patienten fließe seit einiger Zeit in den Krankenhausführer ein, den die TK herausgibt, sagte Sprecherin Dorothee Meusch. Die Kliniken sind seit Jahren ohnehin verpflichtet, Qualitätsberichte zu veröffentlichen. „Wir wollten die Patientenperspektive dazu haben. Wir haben deshalb Patienten angeschrieben und sie um ihr Urteil gebeten.“ Dass dabei Querulanten gute Mediziner anschwärzten oder Kollegen die Konkurrenz, „damit muss man natürlich rechnen“, sagte Meusch. Aber dagegen habe man auch Mittel: „Wir haben unsere Bewertungskriterien transparent gemacht. Vor der Veröffentlichung haben unsere Klinikexperten außerdem mit den beurteilten Kliniken Kontakt aufgenommen und die Bewertung erläutert.“ Außerdem wolle man ausdrücklich kein Ranking von Kliniken, hier die Spitze, dort die rote Laterne: „Wir veröffentlichen einzelne Urteile und erwarten, dass sich die Leute ein eigenes Urteil bilden. Was die ambulante Versorgung angeht, sind wir noch nicht so weit, aber „natürlich denken wir darüber nach“, sagte Meusch. „Wir werden das, was die AOK tut, mit Interesse verfolgen. Die Patientenperspektive in die Qualitätssicherung einzubeziehen, halten wir für sinnvoll.“

Die AOK hatte am Freitag angekündigt, zum Ende des Jahres ein Internetportal einzurichten, auf dem die Meinung ihrer Versicherten über die sie behandelnden Ärzte öffentlich gemacht wird. Angesichts der vielen Versicherten – sie hat mehr als 24 Millionen Mitglieder – könnten, anders als bei den längst im Netz aktiven privaten Anbietern, genügend Bewertungen für ein aussagestarkes Bild über die Arbeit eines Arztes zu bekommen sein, sagte der AOK-Vorstandsvorsitzende Jürgen Graalmann. Man werde die Versicherten künftig nach einem Arztbesuch auffordern, ein Urteil abzugeben. Gegen Manipulationen will die AOK sich absichern, indem sie unter anderem Plausibilitätsprüfungen einführt und Bewertungen auch erst dann veröffentlicht, wenn eine genügend große Zahl von Kommentaren zu einer Praxis eingegangen sind. Die AOK arbeitet für das Projekt mit der Bertelsmann-Stiftung zusammen.

Die Ärzteverbände meldeten sich umgehend mit scharfer Kritik zu Wort: Die „Süddeutsche Zeitung“ zitierte den Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Jürgen Fedderwitz, mit den Worten, über gute Medizin könne man nicht einfach abstimmen wie bei „Deutschland sucht den Superstar“. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, nannte es „unseriös, anonyme Fragebögen als Grundlage für Ranglisten zu nutzen, wie das einige Arztbewertungsportale im Internet bereits jetzt praktizieren“. Sollte die AOK so etwas planen, erweise sie ihren Mitgliedern einen Bärendienst. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnte davor, „einzelne Mediziner an den Pranger“ zu stellen.

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