Ärztemangel : Allein auf weiter Flur

Gesundheitsminister Philipp Rösler will Bewerber für das Medizinstudium bevorzugen, wenn sie sich verpflichten, später für eine Weile auf dem Land zu praktizieren. Was hilft dort wirklich gegen den Ärztemangel?

von
Roesler
Gesundheitsminister Rösler -Foto: AFP

Für die Bundeswehr gibt es das schon: eine Vorabquote für Studienbewerber im Fach Medizin. Wer sich verpflichtet, später bei der Armee zu arbeiten, braucht nicht den derzeit maßgeblichen Abiturnoten-Durchschnitt von etwa 1,4 oder ein besonders günstiges Votum nach dem Auswahlgespräch der jeweiligen Hochschule. Nun hat Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) eine vergleichbare „Quote“ auch für solche Bewerber vorgeschlagen, die später für einen bestimmten Zeitraum auf dem Land praktizieren wollen.

Denn dort, in den spärlicher besiedelten Regionen des Landes, fehlen schon heute die Ärzte, vor allem in der ambulanten Versorgung. Und der Mangel wird sich in den nächsten Jahren vermutlich verschärfen, da die niedergelassenen Mediziner zur Hälfte älter als 55 sind. Dabei ist die Ärztedichte mit 390 Medizinern pro 100 000 Einwohner eigentlich gut.

Doch vier von zehn Medizinern, die ihr Staatsexamen in Deutschland gemacht haben, arbeiten nicht als Arzt in ihrem Heimatland. Viele wandern nach Skandinavien, nach Großbritannien oder in die Schweiz aus, andere bleiben zwar im Lande, arbeiten aber in der Industrie oder in den Medien. „Die Ärzte sind da, aber nicht hier“, sagt Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer.

Berlin hat es dabei vergleichsweise gut. Denn wer sich für ein Berufsleben am Krankenbett oder in der Praxis entscheidet, den zieht es meist mehr in die Stadt, wo Kultur, ein vielfältiges Bildungsangebot für den Nachwuchs und Jobs für den Partner locken. Im Flächenland Brandenburg dagegen sind derzeit nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg 60 Kassensitze für Hausärzte unbesetzt, besonders prekär ist die Lage zum Beispiel in der Prignitz, in der Gegend um Schwedt, Angermünde, Jüterbog und Guben. Brandenburger Abiturienten, die einen der begehrten Medizinstudienplätze ergattert haben und sich wünschen, später in der Heimat zu arbeiten, müssen ihr Bundesland auf jeden Fall erst einmal verlassen, weil es über keine eigene medizinische Fakultät verfügt.

Von einer Vorabquote für Studienbewerber, die ein Gelöbnis fürs Landleben aussprechen, verspricht sich KV-Pressesprecher Ralf Heere dennoch keine grundlegende Abhilfe für den Mangel. Und das nicht nur, weil sie frühestens im Jahr 2022 greifen könnte, wenn die Anfänger des Jahres 2010 sechs Studienjahre und fünf Jahre Weiterbildung an der Klinik absolviert haben werden. „Quotenregelungen machen zwar Sinn, wenn man Entwicklungen beschleunigen will. Sie eignen sich aber nicht, um Miseren über längere Zeit zu beheben.“ Die wirklichen Probleme bestünden doch darin, dass Arbeitsbelastung und Verantwortung enorm gestiegen seien, die Wertschätzung für den Landarzt aber nachgelassen habe, sagt auch Ärztekammer-Präsident Jonitz. Allein auf weiter Flur sei der Arzt angesichts des vervielfachten medizinischen Wissens schlicht überfordert. „Was wir brauchen, ist nicht ein vergrößertes Heer von Einzelkämpfern, sondern eine Versorgung durch therapeutische Teams.“ Jonitz setzt hier eher auf Anreize als auf (Selbst-)Verpflichtung. „Wir müssen die Arbeitsbedingungen attraktiver machen.“

Gute Modelle dafür sind Gemeinschaftspraxen oder Medizinische Versorgungszentren (MVZ), in denen mehrere Allgemeinmediziner beschäftigt sind. Schon heute ist mehr als die Hälfte aller ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten in Brandenburg in solchen kooperativen Strukturen tätig. Eine Erleichterung für den Einstieg könnten auch Versorgungseinheiten sein, die von den Kassenärztlichen Vereinigungen eingerichtet werden und junge Ärzte zunächst anstellen – mit der Perspektive einer späteren Übernahme. Jonitz verspricht sich zudem auch etwas davon, ältere, erfahrene Ärzte für das Landleben zu begeistern, die beispielsweise lieber in der Stadt leben wollten, solange sie noch schulpflichtige Kinder hatten. „Wir sollten aus diesem Grund Fachärzten aus anderen Gebieten den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin leichter machen.“

Sehr begrüßenswert an Röslers Vorstoß finden Ärztekammerpräsident Jonitz und KV-Sprecher Heere es jedoch, dass der Notendurchschnitt für die Zulassung zum Medizinstudium in Zukunft an Bedeutung verlieren soll. In einem Auswahlgespräch könnten Medizinprofessoren nicht nur etwas über die soziale Kompetenz der Bewerber erfahren, sondern sie ganz nebenbei auch fragen, wo und wie sie sich ihr späteres Wirken als Arzt denn vorstellen. Die langfristige Verpflichtung eines 19-Jährigen zur Grundlage für eine Vorabquote zu machen, hält Heere dagegen auch juristisch für problematisch. Noch etwas anderes stört ihn: „Es stimmt zwar, dass gute Noten allein noch keinen guten Arzt machen. Aber es sollte auch nicht so weit kommen, dass man denkt: Mit einer schlechten Drei kann ich immer noch Landarzt werden!“

Was sich ändern sollte, ist allerdings der Zwang zur Dauerpräsenz. So könnten Gemeinschaftspraxen den Einzelnen entlasten. Es gibt nämlich nicht mehr viele Mediziner, die so leben wollen wie Doktor Sponholz aus Gransee, der Hausarzt des alten Dubslav von Stechlin in Theodor Fontanes berühmtem Roman. Erst als alter Herr macht der zum ersten Mal seine Praxis für mehrere Wochen zu – sehr abgekämpft, und doch mit schlechtem Gewissen. „Eine Doktorexistenz gestattet solchen Luxus nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer Furunkel aufgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen gestiegen, immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt.“

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