Ärztemangel : Wie will die Regierung die Arbeit auf dem Land attraktiver machen?

Mit höheren Honoraren und verbesserten Arbeitsbedingungen will die Bundesregierung mehr junge Ärzte aufs Land locken. Das sieht der Entwurf für das Versorgungsgesetz von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) vor.

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Das ist das Landarztidyll. Im Fernsehen ist es die Wirklichkeit, jedenfalls bei Wayne Carpendale, der immer freitags (19.25 Uhr im ZDF) praktiziert. Foto: ZDF
Das ist das Landarztidyll. Im Fernsehen ist es die Wirklichkeit, jedenfalls bei Wayne Carpendale, der immer freitags (19.25 Uhr im...

Gibt es in Deutschland zu wenig Ärzte?

Ja und nein. Betrachtet man ganz Deutschland, gibt es keinen Ärztemangel. Während 1990 auf 100 000 Einwohner 300 Ärzte kamen (damals sprach man von „Ärzteschwemme“), sind es aktuell fast 400 Ärzte. Die Zahl der niedergelassenen Mediziner ist in Deutschland seit 1990 um etwa die Hälfte gestiegen, von 92 000 auf rund 138 000. In den meisten Regionen gibt es eher zu viele Ärzte als zu wenige, Gesundheitspolitiker sprechen von „Überversorgung“. Die existiert vor allem bei bestimmten Fachärzten.

Wer sich in Deutschland als Kassenarzt niederlassen will, braucht eine Zulassung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen legen mit den Krankenkassen fest, wie viele Ärzte pro Fachrichtung es in den bundesweit 395 Planungsbezirken geben soll. Als unterversorgt gilt ein Gebiet, wenn die Quote bei den Hausärzten unter 75 Prozent und bei den Fachärzten unter 50 Prozent rutscht. Ab 110 Prozent spricht man von Überversorgung. Laut einer Prognos-Studie im Auftrag der Krankenkassen könnten in Deutschland derzeit fast 12 000 von 138 000 Kassenarztsitzen eingespart werden, ohne dass sich die medizinische Versorgung dadurch verschlechtern würde.

Woran liegt es, dass in einigen Regionen Ärzte fehlen?

Die Arbeit als Landarzt kann aufreibend sein: Der Hausarzt ist immer der erste Ansprechpartner, während die Patienten in Ballungszentren auch häufiger mal einen Facharzt aufsuchen. Für den Hausarzt auf dem Land bedeutet das im Schnitt mehr Patienten. Für Hausbesuche muss er zum Teil weite Wege zurücklegen. Viele junge Mediziner sind inzwischen auch nicht mehr bereit, rund um die Uhr im Einsatz zu sein. Unter den niedergelassenen Ärzten ist in den letzten Jahren zudem der Anteil der Frauen gestiegen. Viele von ihnen wollen – ebenso wie männliche Kollegen – Beruf und Familie vereinbaren können.

Hinzu kommt: In strukturschwachen ländlichen Gebieten gibt es nur wenig Privatversicherte, das führt zu geringeren Honoraren. Im Jahr 2010 mussten nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 420 Hausarzt-Praxen schließen, weil die Ärzte keinen Nachfolger fanden. Und in den nächsten zehn Jahren werden laut KBV knapp 24 000 Hausärzte in den Ruhestand gehen. Im Jahr 2020, so die Prognose des Arztverbands, werde es in Deutschland knapp 7000 Hausärzte weniger geben als bisher. Dann also werde der Mangel spürbar.

Welche Auswirkungen hat das?

Wenn die Bundesregierung nichts gegen den Ärztemangel unternehme, werde die medizinische Versorgung auf Dauer teurer, argumentiert Gesundheitsminister Bahr. Der FDP-Politiker verweist auf Brandenburg. Im Vergleich zu anderen Bundesländern gebe es dort die mit Abstand niedrigste Arztdichte. Bei der Krankenhausbehandlung lägen die Ausgaben aber um 80 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, bei den Krankentransporten und Rettungsdiensten sogar um mehr als 150 Prozent. Aus Bahrs Sicht ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Patienten die Klinik aufsucht, statt zum Hausarzt zu gehen.

Was will die Bundesregierung tun, um mehr Landärzte zu gewinnen?

Junge Mediziner, die sich auf dem Land niederlassen, sollen finanziell belohnt werden. Bei der Berechnung des Honorars soll es künftig keine Begrenzung mehr geben. Üblicherweise bekommen Ärzte nur für eine bestimmte Zahl von Patienten und Behandlungen die volle Vergütung, danach gibt es gestaffelte Abschläge. Im Einzelfall können für bestimmte Leistungen sogar Preiszuschläge verabredet werden. Außerdem sollen die Arbeitsbedingungen verbessert werden, indem Hausärzte stärker bei ihrer Arbeit entlastet werden. So sollen die Krankenhäuser einen Teil der Notdienste übernehmen.

Außerdem sollen niedergelassene Ärzte stärker als bisher Tätigkeiten an andere Gesundheitsberufe delegieren können – etwa an Gemeindeschwestern. Wer eine Arztpraxis in einer abgelegenen Gegend übernimmt, soll außerdem nicht mehr verpflichtet werden, auch dort zu wohnen. Für Ärztinnen wird die Vertretungszeit nach der Geburt eines Kindes verdoppelt auf zwölf Monate.

Wie reagieren die Ärzte?

Die Ärzte loben die Pläne. Mit ihrem positiven Urteil sind sie allerdings auch die einzigen. SPD, Grüne und Linkspartei werfen Bahr Klientelpolitik vor, auch Gewerkschaften, Arbeitgeber und Sozialverbände üben deutliche Kritik.

Eines der Hauptargumente gegen den Gesetzentwurf: In den überversorgten Ballungsgebieten soll es keine Honorarkürzungen für Ärzte geben. Zwar erhalten die Kassenärztlichen Vereinigungen die Möglichkeit, frei werdende Arztsitze aufzukaufen. Aber auf die Mediziner soll kein finanzieller Druck ausgeübt werden, sich in der Uckermark statt in Berlin niederzulassen. Dabei sind die durchschnittlichen Arzteinkommen in den letzten Jahren durchaus gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt stiegen sie pro Praxisinhaber von 126 000 Euro im Jahr 2003 auf 164 000 Euro im Jahr 2010, ein Plus von 30 Prozent. Fachärzte verdienen dabei in der Regel deutlich mehr als Hausärzte.

Was wird das Gesetz kosten?

Das lässt sich noch nicht abschätzen. Gesundheitsminister Bahr beziffert die jährlichen Mehrausgaben auf 320 Millionen Euro. Davon entfallen 200 Millionen Euro auf höhere Honorare für Landärzte. Darüber hinaus können die Zahnärzte ab 2013 mit einem Plus von 120 Millionen Euro rechnen. Bahr argumentiert, den Mehrausgaben stünden Einsparungen gegenüber. Im Gesetzentwurf werden diese allerdings nicht konkret beziffert.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) misstraute seinem Kabinettskollegen und setzte deshalb in den Gesetzesberatungen durch, dass die tatsächlichen Kosten im Jahr 2014 überprüft werden. Sollte dann der vereinbarte Kostenrahmen überschritten sein, muss das Gesundheitsressort an anderer Stelle sparen.

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