AfD: So gewinnt sie Wähler : Unangepasst wirken, ohne tätowiert zu sein

Die CDU hadert noch, wie sie mit der AfD umgehen soll. Angela Merkel bleibt ohnehin meist im Unkonkreten. Gerade deshalb machen ihr Herren wie Alexander Gauland und Bernd Lucke aber besonders Probleme. Ein Kommentar.

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Brandenburgs AfD-Landesvorsitzender Alexander Gauland.
Brandenburgs AfD-Landesvorsitzender Alexander Gauland.Foto: dpa

Wo er recht hat, hat er recht, Alexander Gauland, Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland in Brandenburg. Also Gauland sagt dem Sinne nach, es sei doch schon bezeichnend, dass sich die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende im Brandenburger Wahlkampf mit genau den Themen zu Wort gemeldet habe, die AfD-Themen seien. Irgendetwas müsse deshalb dran sein, wenn die AfD sie anspreche.

Was uns das lehrt? Einmal, dass Angela Merkel es immer so macht. Wenn sie merkt, dass bestimmte Themen die Menschen bewegen, dann bemächtigt sie sich derer. „Themenklau“ hat das die SPD im Bundestagswahlkampf genannt. Und richtig ist, dass der SPD originär noch nicht mal mehr das Thema bezahlbare Mieten blieb, weil die CDU-Chefin das für ihre Partei reklamierte. Das Fachwort dafür lautet „Shadowing“. Es ist die Wahlkampfstrategie, mit der seinerzeit Tony Blair in London an die Macht kam. Was auch immer der Gegner sagt oder fordert – man selbst sagt es auch, verbunden mit dem Hinweis: Haben wir doch längst. Was auch bedeutet, dass Merkel ihre Macht mit einer Oppositionsstrategie verteidigt.

Merkel sagt nicht, wie das Problem gelöst werden kann

Bei der Kanzlerin geht das Begriffebesetzen allerdings selten hinaus übers Beschreibende. Sie findet zwar, dass man sich um die Themen der AfD kümmern muss, um Ängste und Sorgen der Menschen, beim Asyl oder der Grenzkriminalität oder der Bildung oder dem Geld. So ungefähr jedenfalls. Im Konkreten sagt sie aber nicht, wie das Problem gelöst werden kann. Beispiel Grenzkriminalität in Brandenburg: Sie sagt nicht, dass es nicht zuletzt Sache des Bundes, der Bundespolizei ist, wo es doch um grenzüberschreitende Bandenkriminalität geht, und nicht, wie sie helfen wollte, wenn ihre Landes-CDU regierte.

Mit Rot-Rot hat das übrigens wenig zu tun. Am Rande: Polizisten gibt es mehr als gefordert, im Ländervergleich liegt Brandenburg bei den Ausgaben für frühkindliche Bildung auf Platz 2, es wurden 1000 zusätzliche Erzieher eingestellt und 2800 neue Lehrer, die Schulabbrecherquote ist um ein Drittel gesunken, die Finanzausstattung der Kommunen bringt dem Land den Spitzenplatz aller Länder, es macht keine neuen Schulden seit drei Jahren und hat 250 Millionen an Altschulden zurückgezahlt.

Die AfD spricht das Diffuse der Gesamtsituation

Dennoch gibt es die AfD – weil die das Diffuse der Gesamtsituation am klarsten anspricht. Es klingt alles faktisch besser, als es gefühlt ist, auch die Weltlage. Das geben die sogenannten Etablierten so nicht wider, nicht so wie die AfD. Die hat Figuren an der Spitze, die solide erscheinen, seriös im kleinen Karo, die Dinge offen sagen und doch unangepasst wirken, ohne tätowiert zu sein. Stattdessen ist ihnen Bildung eingraviert.

Populäres bis Populistisches versus die vermeintliche Gesundbeterei der Altparteien, ohne das übliche Rechts-links-Schema – und dann sagt Volker Kauder, Merkels rechte Hand, dass alle CDUler den Vorschlag, sich programmatisch mit der AfD auseinanderzusetzen, ebenso ignorieren sollen wie die AfD selbst. Was Gauland schon wieder recht gibt. Denn wer AfD-Themen als Thema annimmt, muss sich eigentlich auch neu zum Euroskeptizismus verhalten. Das will die Kanzlerin wohl eher nicht.

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