Afghanistan : Blutiges Endspiel am Hindukusch

Der Krieg am Hindukusch wird immer brutaler. Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigt sich besorgt über die Lage und bekräftigt die Notwendigkeit eines geordneten Abzugs der Bundeswehr.

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Bundesaußenminister Guido Westerwelle.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle.Foto: dpa

Die Männer fuhren 50 Kilometer durch die Nacht zur Provinzhauptstadt Lashkar Gah, um die Leichen ihrer Kinder dem Gouverneur zu zeigen. Und um so der Welt zu beweisen, was sich in ihrem Bezirk Nawsad abgespielt hat. „Seht her“, riefen sie, als sie die Kinderleichen durch die Stadt trugen, „sie sind keine Taliban.“ Wieder hat die Internationale Schutztruppe in Afghanistan (Isaf) versehentlich Unschuldige getötet. In der südlichen Provinz Helmand bombardierten US-Helikopter am Wochenende zwei Wohnhäuser, in denen man Taliban-Kämpfer vermutete. Mindestens fünf Mädchen, sieben Jungen und zwei Frauen starben – die Jüngsten waren zwei Jahre alt. Nun entschuldigte sich die Isaf offiziell dafür. Ihr blieb auch kaum anderes übrig, nachdem die Fotos der Kinder durch die Presse gegangen waren.

Das Endspiel am Hindukusch wird immer blutiger. Und es könnte noch schlimmer kommen. Sowohl die USA als auch die Taliban wollen von einer Position der Stärke aus in mögliche Friedensgespräche ziehen – und schlagen immer brutaler zu. Der frühere Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal hatte den Schutz der Zivilisten vor die Jagd auf Terroristen gestellt. Sein Nachfolger David Petraeus revidierte diesen Kurs. Er setzt in erster Linie auf militärische Härte, um die Taliban in die Knie zu zwingen. Doch oft zahlen Unschuldige den Preis. Obgleich die Taliban für die meisten zivilen Todesopfer verantwortlich sind, wächst der Zorn auf die ausländischen Truppen. Wie gefährlich hoch die Wut inzwischen wogt, musste Mitte Mai auch die Bundeswehr erfahren. In nördlichen Talokan kam es zu gewaltsamen Protesten vor dem deutschen Camp, nachdem vier Menschen bei einem Nachteinsatz getötet worden waren. Bei den Tumulten wurden 17 Menschen erschossen.

Zugleich haben die Taliban eine massive Anschlagswelle gestartet. Am Montag wurden in Herat bei einem Doppelanschlag nahe eines italienischen Nato- Stützpunktes erneut mindestens fünf Menschen getötet. Bis Ende 2014 will die Nato schrittweise ihre Truppen abziehen und die Verantwortung an die Afghanen übergeben. Als Vorreiterbezirke gelten Regionen im relativ friedlichen, von der Bundeswehr kommandierten Norden. Die Taliban dürften versuchen, dies mit Attacken zu untergraben.

Die Bundeswehr muss sich auf gefährliche Monate einstellen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) macht sich nichts vor. „Mir macht das sehr große Sorgen“, sagte er am Montag in Neu-Delhi. Weitere „schreckliche Rückschläge“ könne man nicht ausschließen, aber ein „geordneter“ Abzug sei notwendig, um den Einsatz am Hindukusch nach zehn Jahren zu beenden. „Es sollen keine weiteren zehn Jahre werden.“

Derweil scheint es so zu sein, dass sich die USA und Pakistan zumindest in Ansätzen auf eine Strategie verständigt haben. Wie die Zeitung „The News“ berichtete, will Pakistans Militär nun doch eine Offensive in der Grenzregion Nord-Wasiristan starten, wie es die USA seit langem von Islamabad fordern. In Nord-Wasiristan soll das Haqqani-Netzwerk sitzen, dessen Milizen immer wieder in Afghanistan zuschlagen und dort die ausländischen Truppen angreifen. Nehmen die Pakistaner das Haqqani- Netzwerk von ihrer Seite in die Zange, dürfte dies auch den Amerikanern in Afghanistan Luft verschaffen.

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