Afghanistan : Das Ende der Isolation

Trotz der angespannten Sicherheitslage sind in Afghanistan Erfolge der Aufbauarbeit sichtbar.

Afghanistan
Mit deutscher Hilfe sind in Afghanistan in diesem Jahr viele Straßen in entlegene Dörfer gebaut worden. -Foto: dpa

Die Entwicklungsexpertin Hannelore Börgel berät das Entwicklungsministerium beim Wiederaufbau in Afghanistan. Im Tagesspiegel berichtet sie, was im Norden des Landes mit deutscher Hilfe in diesem Jahr erreicht wurde – obwohl die Sicherheitslage das Leben der Bevölkerung noch immer stark beeinträchtigt. Mit jedem Anschlag wächst die Angst der Bevölkerung, dass die Helfer aus dem Ausland abziehen könnten. Die Expertin erlebt immer wieder, wie Dorfbewohner und Gemeindevertreter nach einem Zwischenfall deutsche Entwicklungsorganisationen aufsuchen, um diese zum Bleiben aufzufordern.

Kleine Schritte, große Wirkung

Von Anfang an hat die mit deutschen Mitteln finanzierte Nothilfe in Afghanistan auf schnelle und sichtbare Wirkung gesetzt. Zum Beispiel im Norden des Landes, wo etwa 34 Kilometer Bergstraßen gebaut werden, die neun Gemeinden im Distrikt Warsaj verbinden sollen. So werden an den Berghängen in der Provinz Badachschan Eselspfade auf bis zu fünf Meter breite Schotterpisten erweitert, auf denen auch Lkw und Busse fahren können. Für die rund 2000 Familien in der Region bedeutet dies ein Ende ihrer Isolation. Gesundheitsstationen, Schulen und Märkte gelangen in Reichweite, Lebensmittel und andere Waren in ihre Dörfer. Vor allem die Frauen erwähnen immer wieder, dass die Straßen für sie eine Frage von Leben und Tod darstellen. In manchen Dörfern starb bisher jede zehnte Erstgebährende bei der Geburt, weil sie auf dem langen Weg in eine Krankenstation auf dem Rücken eines Esels verblutete. Wo die Straßen bereits eröffnet sind, haben sich die Transportzeiten erheblich verkürzt, die Transportpreise sind auf manchen Strecken um fast 70 Prozent gesunken. Ein weiterer Vorteil: Die Bauarbeiter stammen aus den Dörfern selbst und erhalten 200 Afghanis (vier US-Dollar) pro Tag. Durchschnittlich ernähren sie davon sieben bis zehn Personen. Sobald der Straßenbau das nächste Dorf erreicht hat, werden die Tagelöhner durch Kräfte aus dem neuen Einzugsgebiet ersetzt. Einige Vorarbeiter konnten von ihren Tageslöhnen sogar etwas sparen und haben inzwischen kleine Geschäfte entlang der Straße eröffnet.

Frauen profitieren

In Badachschan haben insgesamt 75 000 Einwohner direkt oder indirekt am Straßenbau mitgewirkt – Männer wie Frauen. Die Frauen haben beispielsweise Drahtgitter angefertigt, die ihre Männer zur Befestigung von Ufern und Berghängen mit Steinen füllen. Nach dem Ende der Straßenarbeiten konnten die Frauen mit dem verdienten Geld ihre Gemüsegärten vergrößern. Heute vermarkten sie erfolgreich Kohl, Tomaten, Karotten und getrocknete Früchte – obwohl das nicht immer ganz einfach ist. Kulturelle und religiöse Traditionen verbieten es Frauen in Afghanistan, ihre Produkte selbst auf dem Markt anzubieten. Die Frauen aus dem Ort Dahniab haben sich allerdings etwas einfallen lassen: Sie engagierten einen jungen Mann, der für sie die Märkte besucht. Mit ihrem Einkommen können die Frauen nun Nahrung und Kleidung für ihre Familien kaufen.

Handel und Wandel

Der Verhandlungsspielraum der Dorf bewohner von Dahniab gegenüber den Händlern hat sich erweitert. Früher brachten sie ihre Produkte per Esel oder zu Fuß zum Fluss und warteten dort auf die Händler, deren Preise sie akzeptieren mussten, wollten sie ihre Produkte nicht zurückschleppen. Heute kommen auch Händler über die neuen Straßen in die Dörfer, und es wird verhandelt. Stimmen die Preise nicht, behalten die Bauern ihre Produkte und warten auf den nächsten Händler. Die verbesserte Infrastruktur hat den Handel in Badachschan beschleunigt und die Lebensbedingungen ganz allgemein verbessert. Im Einzugsgebiet eines mit deutscher Hilfe erstellten Straßenabschnitts werden heute sieben Distrikte mit Minibussen, Taxen und Lastwagen miteinander verbunden. Im Ort Bagh Mubarak wurde neben dem Straßenbau auch ein Trinkwasserreservoire angelegt. Seither gibt deutlich weniger Fälle von Malaria und Cholera. Fünf Gemeinden haben zudem eigene Verbindungsstraßen von ihren Dörfern zu den Hauptstraßen gebaut. Die Bewohner haben Material wie Sand und Steine besorgt und wandten zum Teil die Fertigkeiten an, die sie in den Hilfsprojekten erlernt hatten. Dieses Beispiel zeigt: Der alte Leitspruch der Entwicklungshilfe, wonach Hilfe als Initialzündung für Selbsthilfe gedacht ist, kann funktionieren – und wird in Afghanistan erfolgreich umgesetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben