Afghanistan : Das Misstrauen wächst

Der Tod eines afghanischen Kollegen bei der Befreiung des "New York Times"-Reporters sorgt für Unmut im Land am Hindukusch – Verbände fordern Untersuchung.

Martin Gerner

Köln - Kundus kommt nicht zur Ruhe. Die Nachbeben des fatalen Luftangriffs, der von deutscher Seite in Auftrag gegeben wurde, dauern an. Diesmal geht es um den ungeklärten Tod eines afghanischen Reporters. Und wieder stehen Ansehen und Aufrichtigkeit des Auslands in Afghanistan auf dem Spiel.

Denn seit zwei Tagen richten sich Kritik und Unmut auch gegen die britischen Truppen. Insbesondere gegen das militärische Kommando, das den britisch-irischen Reporter der „New York Times“ befreite. Stephen Farrell und sein afghanischer Kollege Sultan Mohammad Munadi waren am vergangenen Samstag von Taliban entführt worden, als sie über die Folgen des Luftangriffs recherchierten. Farrell ging als glücklicher Held aus der Befreiungsaktion hervor. Sultan Munadi bezahlte den Einsatz mit seinem Leben. „Er war bis zuletzt an meiner Seite, versuchte mich zu schützen“, schreibt Farrell. Ob sein afghanischer Begleiter durch Taliban-Feuer oder durch Schüsse des Befreiungskommandos starb, könne er nicht sagen.

Offenbar aber endete ein Teil der Aktion im Fiasko. Vier Menschen kamen ums Leben. Neben Sultan Munadi auch ein britischer Soldat sowie eine afghanische Frau und ein Kind. Der britische Geheimdienst hatte zudem offenbar ohne Kenntnis der Lage vor Ort eingegriffen. So gab es bereits Verhandlungen über eine Freilassung der beiden Reporter.

All das ruft nun den Zorn vieler Medienschaffender und ihrer Verbände in Afghanistan hervor. Kollegen des Verstorbenen stellen sogar grundsätzlich infrage, dass die Rettungsaktion auch ihrem afghanischen Kollegen gegolten habe. „Es gibt mehrere Hinweise, dass es den Befreiern nicht um das Leben von Sultan Munadi ging“, glaubt Barry Salam, ein Freund und Medienunternehmer. „In vielen Berichten wird seine Rolle auf die eines Dolmetschers reduziert, was ganz und gar nicht der Wirklichkeit entspricht.“ Downing Street, der Amtssitz von Ministerpräsident Gordon Brown, dementiert dagegen, die Rettungsaktion habe sich an beide gerichtet und sei die beste Möglickeit gewesen, das Leben beider zu retten. „Das Rote Kreuz war eingeschaltet, auch lokale Würdenträger vor Ort bemühten sich um eine rasche Einigung. Es hat klare Anzeichen für eine friedliche Lösung der Entführung gegeben“, so Barry Salam.

Was davon wussten die Briten? Und warum griffen sie trotzdem militärisch ein? Mittlerweile ist eine Untersuchungskommission gebildet worden, die mit Billigung der afghanischen Regierung in Kundus Erkundungen einholt. Was viele afghanische Medienvertreter umtreibt, ist vor allem eine Frage: „Warum erneut wir? Nicht zum ersten Mal kommt ein ausländischer Reporter aus den Fängen der Taliban frei, während sein afghanischer Begleiter stirbt. So hatte im März 2007 der Fall des entführten Italieners Daniele Mastrogiacomo international für Aufsehen gesorgt. Der Reporter der Tageszeitung „La Repubblica“ war in Begleitung seines afghanischen Kollegen Ahmad Naqshbandi auf Recherche im Süden Afghanistans. Mastrogiacomo kam nach zwei Wochen schließlich frei. Naqhsbandi wurde durch seine Entführer enthauptet. Der Italiener wurde bei seiner Rückkehr in Rom als Held gefeiert und für die Zwecke der italienischen Regierung im Wahlkampf instrumentalisiert. In Afghanistan herrschte dagegen Verbitterung. Wieder stellte ein ausländischer Reporter das lukrativere Faustpfand in den Händen der Entführer da.

Munadis Leiche ließen die britischen Militärs zunächst in Kundus zurück, erst später wurde der Körper überführt. Nicht nur seine Journalistenkollegen sehen darin mangelnde Pietät. „Für viele ist das ein Zeichen größter Respektlosigkeit. Sie werten es als unmenschlich. Einige, die seinen Körper mit völlig verblutetem Leichentuch gesehen haben, meinten sogar, so herzlos würden nicht einmal Taliban sein“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Karsai-Regierung.

Ob und was all dies für deutsche und ausländische Journalisten bedeutet, wenn sie künftig in Afghanistan arbeiten, ist unklar. Sicher tun sie gut daran, ihren Übersetzern und Dolmetschern den Respekt zukommen zu lassen, den diese verdienen. In vielen Fällen sind die sogenannten „Stringer“ für die ausländischen Reporter wie eine Lebensversicherung. Sie treiben die Gesprächspartner auf, schätzen die Seriosität von Informationen ein und organisieren Fahrer, auf die Verlass ist. „Die afghanischen Kollegen begleiten Reporter aus dem Westen mit ins Feld. Sie leiten dabei genauso an, wie sie ihnen folgen. Sie sind wie ein mobiles ’Who is Who’ für uns. Sie fungieren als Historiker und Führer, als Lügendetektor und Versorgungshilfe sowie als logistische Planer “, so Barry Bearak, Chef des Südasien-Büros der „New York Times“.

Sultan Munadi hat darüber hinaus in Kabul mit Erfolg das populäre Radioprogramm „Good Morning Afghanistan“ mit aufgebaut und am Entstehen eines Multi-Media-Büros mitgewirkt. Ende letzten Jahres ging er zum Studium nach Deutschland: ein Masterstudiengang über „Good Governance“. „Sultan Munadi war sehr beliebt, nicht nur unter den Afghanen“, erinnert sich sein deutscher Professor, Dietmar Herz von der Erfurt School of Public Policy. „Er hatte eine Führungsrolle inne unter den afghanischen Studenten. Und er war ein sehr reifer junger Mann.“

Anders als viele seiner afghanischen Kollegen, die im Gegensatz zu ausländischen Reportern in der Regel nicht versichert sind, könnte Munadis Familie Glück im Unglück haben. Die Universität Erfurt bemüht sich zurzeit, dass sein Fall versicherungsrechtlich anerkannt wird beim federführenden Deutschen Akademischen Austauschdienst. Seine Reise würde dann nicht als Einsatz im Krieg eingestuft, sondern als Heimaturlaub eines Studenten aus Afghanistan. Tatsächlich galt seine Reise nach Kabul dem Besuch von Eltern und Familie. Anfang Oktober hatten seine Kommilitonen ihn für den Beginn des Wintersemesters zurückerwartet. Die Universität Erfurt hat auch ein Konto eingerichtet, das den Angehörigen von Sultan Munadi zugute kommen soll.

Der 34-Jährige hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Die Debatte in Afghanistan um die tragisch zu Ende gegangene Befreiungsaktion dürfte derweil noch nicht am Ende sein. „Dieser Fall, zusammen mit dem Luftangriff in Kundus, ist ein bedeutender Rückschlag für die Anstrengungen der Regierung und ihrer Verbündeten, die öffentliche Meinung in Afghanistan zu gewinnen“, meint Fayeq, ein bekannter Moderator im afghanischen Fernsehen. In einem der Fälle habe ein Sprecher der Taliban eine Untersuchung der Vereinten Nationen gefordert. In der Propagandaschlacht zwischen Aufständischen, afghanischen Behörden und Nato setzt dies die Regierung Karsai und den Westen einmal mehr unter Druck.

Der Autor berichtet seit Jahren aus Afghanistan. Zuletzt war er vor den Wahlen am 20. August in der Region Kundus und schrieb regelmäßig für den Tagesspiegel.

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