Politik : Afghanistan: "Der Kampf ist nicht vorbei"

Frank Jansen

Keine Entwarnung, nicht einmal eine Atempause: Trotz der militärischen Erfolge der Nord-Allianz in Afghanisan sind die deutschen Sicherheitsbehörden überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit den Taliban und Osama bin Laden noch lange dauern wird. Es gebe eine Vielzahl von Informationen, dass sich die Taliban schon Wochen vor dem Fall von Kabul auf einen Guerillakampf vorbereitet haben, sagte Dieter Kaundinya, Abteilungsleiter beim Bundesnachrichtendienst, am Mittwoch auf der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden. So hätten die Taliban den Stämmen im Süden Afghanistans wieder erlaubt, ihre Waffen zu tragen. Der BND-Experte verwies auch auf die "erhebliche Unterstützung" für die Taliban aus der gesamten Region. Trotz der militärischen Niederlage hätten sie immer noch "genügend Männer unter Waffen". Kaundinya ist sich sicher: "Dieser Kampf ist noch lange nicht vorbei."

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Dies gelte auch für Osama bin Laden, der weiter "Deckung hat", sagt Kaundinya, der beim BND für die Bereiche Organisierte Kriminalität, Terrorismus und Gegenspionage zuständig ist. Selbst wenn die Taliban ganz Afghanistan verlieren sollten, ist bin Ladens Schicksal nach Ansicht des BND nicht automatisch besiegelt. Dieser habe "Möglichkeiten" in anderen Ländern, sagte Kaundinya, und sprach von einer "Inselgruppe, auf der es nicht so einfach ist, jemanden zu finden". Gemeint waren offenkundig die Philippinen. Dort hatte die islamistische Guerillagruppe Abu Sayyaf auf der Insel Jolo monatelang Geiseln gefangen gehalten, darunter die deutsche Familie Wallert.

In seinen Analysen kommt der BND sogar zu dem Schluss, dass Osama bin Laden und seine Organisation Al Qaida die terroristischen Aktivitäten noch ausweiten werden. "Die Anschläge der vergangenen Jahre scheinen eine innere Logik zu haben", sagte Kaundinya. Es gab Aktionen zu Lande, wie den verheerenden Angriff auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998, ein Attentat zur See - den Anschlag auf das US-Kriegsschiff "Cole" im Oktober 2000 vor der jemenitischen Hafenstadt Aden und jetzt am 11. September die Attacken aus der Luft in New York und Washington. Als nächstes könnte Al Qaida in den "Cyber-War", den Krieg im Internet, eintreten, vermutet der Bundesnachrichtendienst. Zu erwarten wäre "eine massive Störung der Informationssysteme" warnte Kaundinya.

Über welches Potenzial Osama bin Laden weltweit verfügt, verdeutlichte BKA-Präsident Ulrich Kersten. In den Lagern, die Al Qaida in Afghanistan und anderen Ländern unterhielt oder noch unterhält, seien "mindestens 70 000 Kämpfer aus mehr als 50 Staaten ausgebildet worden", sagte Kersten. Kersten sieht durchaus ein "reales Gefährdungspotential" durch islamistische Terroristen in Deutschland. Dennoch bestehe für die Bundesrepublik kein Anlass zur Hysterie oder Panik. Es gäbe keine Erkenntnisse über bevorstehende Anschläge, auch nicht über den Einsatz von biologischen und chemischen Kampfstoffen.

17 000 Hinweise und Spuren

Kersten stellte der weit verbreiteten Terrorangst auch die Umfänge der Fahndung in Deutschland gegenüber. Allein im Bereich der "Finanz-Ermittlungen" seien 448 Personen, 19 Firmen, sechs Vereine, mehr als 450 Bankkonten und 45 Kreditkartenkonten überprüft worden. Die Banken hätten von sich aus in 258 Fällen Geldwäscheverdacht angezeigt. Allerdings seien bis auf eine Ausnahme "keine kriminellen Handlungen durch Transaktionen" festgestellt worden. Nur bei einer Überweisung in Richtung USA hätten mutmaßliche Terroristen falsche Personalien angegeben, sagte der BKA-Chef. Ein weiteres Indiz für das Ausmaß der Ermittlungen nach den Anschlägen vom 11. September nannte Kersten auch: bislang seien in der Bundesrepublik 17 000 Hinweise und Spuren registriert worden, von denen 6000 "abschließend bearbeitet wurden". Zu großen Fahndungserfolgen hat das aber bisher nicht geführt.

Horst Stachelscheid vom Bundesamt für den Verfassungsschutz räumte in Wiesbaden selbstkritisch ein, dass seine Behörde dem Phänomen des Islamismus mit "relativ wenig Argwohn" begegnet sei. "Wir haben bestimmte Dinge einfach nicht für möglich gehalten." Auf Dauer sei der Islamismus mit lediglich repressiven Mitteln nicht zu besiegen.

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