Politik : Afghanistan: Der nächste Schatz in Trümmern

Elke Windisch

Erneut versuchen die afghanischen Taliban, das kulturelle Erbe ihres Landes zu beseitigen: Erst zu Wochenbeginn schockten Nachrichtenagenturen die Weltöffentlichkeit mit der Meldung, wonach der Führer der ehemaligen Koranschüler Mullah Muhammad Omar die Bevölkerung aufgefordert hat, sämtliche Musikkassetten, CDs und Bücher mit schöngeistiger Literatur, sowie Radios, Player und Musikinstrumente bei den lokalen Vertretungen des Ministeriums für islamische Führung abzuliefern. Dem, der sich weigert, drohen wiederum drakonische Strafen bis hin zur Todesstrafe. Nun sorgen neue Horrormeldungen von weiteren Kämpfen und Zerstörungen in Afghanistan für Beunruhigung.

Seit Wochenmitte toben in der Provinz Tahar zwischen den Taliban und den Anhängern des 1996 gestürzten Präsidenten Burhanuddin Rabbani sowie dessen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massud neue, heftige Kämpfe. Dabei gelang es den Fundamentalisten, bis auf eine Entfernung von fünfhundert Metern an die Grenze zu den Ex-Sowjetrepubliken Tadschikistan und Usbekistan vorzustoßen. Zentrum der Kampfhandlungen waren die Siedlung Sardkamar und die antike Stadt Ai-Chanum. Sie wurde durch Artillerie und Panzergranaten stark zerstört.

Ai-Chanum liegt am linken Ufer das Amu-Darja und gehört zu den ältesten Städten der Region. Nachdem Alexander der Große im Jahre 327 vor Christus Baktrien, das Goldland der Antike eroberte, entwickelte sich die Stadt zu einem der wichtigsten Zentren des von Seleukos, einem der Diadochen Alexanders begründeten Weltreichs. Unter den Seleukiden entstand in Ai-Chanum eine einzigartige Kultur, bei der kunsthandwerkliche Traditionen der Einheimischen und der Eroberer miteinander verschmolzen und ein völlig neuer Stil entstand - der gräkobaktrische.

Glanzvoller Höhepunkt der Epoche ist der Oxus-Schatz, von dem Teile heute im British Museum in London ausgestellt sind. Er besteht aus Dutzenden von Einzelstücken aus massivem Gold, die Bauern 1867 im Uferschlamm des Amu-Darja, den antiken Griechen als Oxus bekannt, fanden. Als vermutliche Entstehungsorte des Schatzes gelten Taht-i-Sanginj im heutigen Tadschikistan und das etwa 20 Kilometer weiter flussabwärts liegende, jetzt zerstörte Ai-Chanum. Dessen imposante Ruinen - Feuertempel, Wehrmauern, Paläste und buddhistische Tempel, die in den ersten fünfhundert Jahren nach der Zeitenwende entstanden, konservierte später der Wüstensand. Erst in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts legten sowjetische Archäologen die riesige Anlage frei.

Nun ist sie ebenso vernichtet, wie die beiden Buddha-Statuen, die die Taliban schon im Winter zerstörten. Ein Sprecher der afghanischen Botschaft in Moskau, die nach wie vor die legitim gewählte Regierung von Rabbani vertritt, sagte dem Tagesspiegel, Ai-Chanum habe durch die jüngsten Kampfhandlungen "irreparable Schäden davongetragen".

Das beweisen auch Bilder, die das russische Fernsehen sendete. In dem Bericht kamen auch Bauern aus den Dörfern der Umgebung zu Wort, die Zeugen von neuen Gräueltaten der Taliban an der Zivilbevölkerung waren. Ihren Worten nach haben die Fundamentalisten einen Teil der Männer sofort nach der Besetzung der Siedlungen erschossen, der Rest verbrannte bei lebendigem Leib in einer Scheune, wo die Taliban ihre Opfer zusammengetrieben hatten. Überlebende vermuten den Mangel an Unterstützung der Einheimischen für die "Gotteskrieger" als Hauptmotiv für das Massaker.

Weil ihnen die Soldaten ausgehen, so auch der Botschaftssprecher in Moskau, würden die Taliban zunehmend junge Mädchen, darunter Vierzehnjährige, rekrutieren - angeblich als zeitweilige Ehefrauen für den Heiligen Krieg. In Wahrheit, so der Sprecher unter Berufung auf Augenzeugen aus den Reihen der Taliban-Gegner, würden sie jedoch in erster Linie bei Angriffen als unbewaffneter Sturmtrupp gegen die Nordallianz ins Feuer geschickt oder erschossen.

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