Politik : Afghanistan: "Deutschland hat ein historisches Erbe in Afghanistan"

Die Bonner Afghanistan-Konferenz ist auch ein au&s

Ahmed Rashid hat über 20 Jahre an seinem Bestseller "Taliban" gearbeitet. Mittlerweile gilt das Buch des pakistanischen Journalisten als Standardwerk über Afghanistan.

Die Bonner Afghanistan-Konferenz ist auch ein außenpolitischer Erfolg für Kanzler Schröder und Außenminister Fischer. War es Zufall, dass das UN-Treffen ausgerechnet in Deutschland stattgefunden hat?

Sicher nicht. Als am 11. September die Flugzeuge in das World Trade Center rasten, war Deutschland auf das, was kommen würde, schon gut vorbereitet. In Deutschland ist die politische Krise in Afghanistan schon vor dem 11. September richtig eingeschätzt worden. In den letzten 18 Monaten ist von deutscher Seite immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die Herrschaft der Taliban die ganze zentralasiatische Region und möglicherweise sogar die ganze Welt destabilisiert. Die Bundesregierung hat deshalb mehrmals die Vertreter afghanischer Volksgruppen in Deutschland zusammengebracht. Die UN-Konferenz in Bonn war die logische Folge.

Bei aller Logik: Ein kleines Wunder ist es schon, dass sich in Bonn vier afghanische Gruppen nicht nur auf einen politischen Fahrplan, sondern auch auf eine personelle Ämterverteilung für ganz Afghanistan geeinigt haben. Schließlich schreiben Sie in Ihrem Buch "Taliban", dass den Afghanen traditionell die lokale Zugehörigkeit wichtiger ist als der Staat.

Das Nationalbewusstsein in Afghanistan wird noch wachsen. Ich hoffe, dass eine neue Verfassung der Autonomie der Regionen maximal Rechnung trägt. In Afghanistan kann es keinen starken, zentralisierten Staat geben.

Wird es einen Guerilla-Krieg der Taliban geben?

Die Taliban können keinen Guerilla-Krieg in einem feindlichen Umfeld mehr führen. Ihre eigene ethnische Gruppe, die Paschtunen, haben sie gestürzt. Die Taliban werden wohl einige Widerstandsnester halten. Aber die neue Regierung wird mit ihnen verhandeln, um sie zur Aufgabe zu zwingen.

Die Terrororganisation Al Qaida, die mit den Taliban eine enge Verbindung eingegangen ist, verfügt noch über Stützpunkte in über 30 Ländern. Was passiert, wenn die USA als nächstes Irak angreifen sollten?

Die USA können den Krieg gegen den Terror nur gewinnen, wenn Washington seine Nahost-Politik ändert und seine Haltung zur moslemischen Welt überdenkt. Man kann keinen Krieg gegen Irak oder Somalia oder irgendein anderes Land führen und gleichzeitig starr an der Unterstützung für israelische Hardliner festhalten. Das muss ein Geben und Nehmen sein. Aber wenn Washington einen Krieg in einem weiteren - moslemischen - Land führt und gleichzeitig die Palästinenser unzureichend behandelt, dann wird das nicht funktionieren.

Welche militärische Rolle sollen die USA bei der Friedenssicherung in Afghanistan spielen, welche Rolle Deutschland?

Für amerikanische Truppen wäre es sehr schwierig, in einer internationalen Friedenstruppe massiv vertreten zu sein. Vielleicht werden die Amerikaner Friedenstruppen logistisch unterstützen, zum Beispiel mit Kommunikationssystemen. Was die Rolle Berlins anbelangt, sollten wir uns daran erinnern, dass Deutschland in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entscheidend zum Aufbau der ersten nationalen afghanischen Armee beigetragen hat. Afghanistan erlebte seinerzeit seine erste Modernisierungswelle, nachdem sich der damalige afghanische König sechs Monate in Deutschland aufgehalten hatte. Deutschland hat ein historisches Erbe in Afghanistan. Mir ist klar, dass eine Entsendung deutscher Truppen nach Afghanistan sehr heikel ist. Bei meinem Treffen mit Außenminister Joschka Fischer am Dienstag habe ich in aller Bescheidenheit gesagt, dass ich gerne eine stärkere europäische Beteiligung an einer Friedenstruppe in Afghanistan sehen würde. Wenn für die Bundesregierung die Entsendung von Soldaten zu heikel ist, dann könnte Deutschland doch zumindest eine Gruppe von Offizieren nach Afghanistan schicken, die bei der Ausbildung einer neuen nationalen Armee helfen könnten.

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