Politik : Afghanistan: Die Arbeit der Lobbyisten auf dem Petersberg

Ulrike Scheffer

Ahmad Fawzi hat eine Lieblingszahl: 100. 100 Prozent - diese Größe hat es ihm angetan. Hundertprozentig afghanisch seien die Gespräche auf dem Bonner Petersberg, betont der Sprecher des Sondergesandten der Vereinten Nationen, Lakhdar Brahimi, wenn er gefragt wird, wer bei der Afghanistan-Konferenz mitredet. Ausländische Staaten, versichert Fawzi, seien zu den Gesprächen nicht zugelassen. Doch wichtige Entscheidungen fallen bei Konferenzen ohnehin meist hinter den Kulissen, in kleinen Zirkeln, intimen Hotelsuiten - in diesem Fall vielleicht auch nach dem gemeinsamen Gebet.

Deshalb haben die wichtigsten internationalen Protagonisten direkt auf dem Petersberg Stellung bezogen. Beobachter der afghanischen Nachbarländer Pakistan und Iran wohnen sogar im dortigen Gästehaus. Auch Briten und Amerikaner, die ausländischen Hauptakteure im Krieg am Hindukusch, und die Europäische Union sind im Konferenzgebäude präsent. Laut Ahmad Fawzi können sie am Rande der Verhandlungen Kontakt zu den vier afghanischen Delegationen aufnehmen. Er gibt zu: Sie spielen "eine gewichtige Rolle" auf dem Petersberg, "so wie sie es immer getan haben".

Ein bisschen erinnert diese Rolle an das "große Spiel" im 19. Jahrhundert, als Russland und das britische Empire in Afghanistan um Einfluss rangen. Im Kalten Krieg traten die USA an die Stelle der Briten; sie rüsteten die islamischen Mudschahedin gegen die russischen Besatzer auf und versuchten später - als sich die neuen Herrscher heillos zerstritten hatten - gemeinsam mit Pakistan die Taliban als neue Ordnungsmacht in Afghanistan zu etablieren. Die frommen Koranschüler, so hoffte Washington, würden nicht nur den Drogenanbau in Afghanistan unterbinden, sondern auch den Weg frei machen für eine Pipeline vom Kaspischen Meer nach Pakistan. Heute wird den Amerikanern nachgesagt, kein wirkliches Interesse an einer gerechten Friedenslösung in Afghanistan zu haben. US-Präsident George W. Bush hat sich ganz dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus verschrieben, mit der Beseitigung des Taliban-Regimes und ihres Schützlings Osama bin Laden wäre dieses Ziel erreicht. Die Anwesenheit amerikanischer Beobachter in Königswinter belegt jedoch, dass die USA auch künftig in Afghanistan mitreden wollen.

Pakistan und Iran sind langfristig an stabilen Verhältnissen im Nachbarland interessiert. Beide beherbergen afghanische Flüchtlinge und fürchten ein Überschwappen der Gewalt auf ihr Territorium. Iran versteht sich außerdem als Schutzmacht der schiitischen Minderheit in Afghanistan, der Hasara, und gewährte dem afghanischen Kriegsherrn Gulbuddin Hekmatyar Exil. Dieser wiederum steht hinter der in Bonn vertretenen Zypern-Gruppe. Sein Hauptziel hat Iran schon erreicht: die ihnen verhassten - weil sunnitischen - Taliban, die noch dazu lange das Vertrauen der USA genossen, sollen keine politische Rolle mehr spielen. Den Koranschülern ist nur noch Pakistan als Freund geblieben. Doch auch der konnte die internationale Gemeinschaft nicht davon überzeugen, gemäßigte Taliban nach Königswinter einzuladen. Das Land setzt nun auf die Exil-Paschtunen aus dem pakistanischen Peschawar. Angesichts der Spannungen mit seinem Erzrivalen Indien im Osten will Pakistan wenigstens die Lage jenseits seiner Westgrenze unter Kontrolle haben.

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