Afghanistan : Die Coaching-Zone

Es bleiben nur zwei Jahre, und die Afghanen müssen selbst so weit sein, für Sicherheit in ihrem Land zu sorgen. Die Amerikaner sind im Pesch-Tal oft nur noch Beobachter.

Christian Kreutzer[Kunar]
Oberstleutnant Adil Turab (rechts) im Gespräch mit einem Oberst der US-Army.
Oberstleutnant Adil Turab (rechts) im Gespräch mit einem Oberst der US-Army.Foto: Katja Lenz

Der Angreifer muss zwischen den Felsen liegen. Irgendwo dort oben. Wieder peitschen Schüsse durch die Abenddämmerung. Ein Trupp afghanischer Soldaten hat sich auf die Straße geworfen, einige Soldaten sind in die Weizenfelder geflüchtet. US-Leutnant Randall Combs kann es von seinem Hügel aus beobachten. Aber viel tun kann er nicht.

Teils zu Fuß, teils in Humvees ist die afghanische Patrouille durch das Tal gezogen und befand sich auf dem Weg ins nächste Dorf, als der Unbekannte von einem Bergrücken aus das Feuer eröffnete. Jetzt sitzt die Patrouille erst einmal fest.

Die Afghanen sollen vorrücken, fordert Combs über Funk. Die wollen nicht. Es sei denn, der Leutnant und seine zehn US-Infanteristen auf dem Hügel kommen herunter und führen sie an. So gibt der Übersetzer die Beratungen von unten weiter. Combs seufzt, lächelt nachsichtig und bleibt, wo er ist. „Sag ihnen, von hier oben können wir ihnen besser helfen.“ Dann befiehlt er, die Mörserstellung im zwei Kilometer entfernten Außenposten Nangalam bereitzumachen. Sein Scharfschütze sucht mit dem Zielfernrohr die Gegend ab. „Die Afghanen haben das Kämpfen im Blut, aber von Organisation und Militärwesen verstehen sie nicht viel“, flüstert der Leutnant.

Combs liegt oft auf diesem Hügel. Der 28-Jährige führt hier in Kunar an der pakistanischen Grenze einen Zug der Task Force Mountain Warrior an. Nahezu täglich ziehen er und seine Leute mit Einheiten des 6. Khandak, einem Regiment der afghanischen Armee, in dieses umkämpfte Tal. Während sie sich oben halten, schleichen die Afghanen in der Talsohle mit eingezogenen Köpfen voran und wissen, dass sie gleich angegriffen werden. „Da kann man hier absolut sicher sein“, sagt Combs. Im Laufe der Zeit haben die Amerikaner die Anhöhe, deren Gipfel wie eine Schüssel von 20 Metern Durchmesser geformt ist, zu einer Stellung ausgebaut. Sie haben umliegende Steine zu niedrigen Schutzwällen aufgeschichtet und kennen die meisten Orte, von denen die Kugeln kommen. Die Amerikaner beobachten oft nur, was vor sich geht, und geben Ratschläge über Funk.

Denn darum geht es hier jetzt vor allem. Seit der Ankündigung Präsident Obamas, die US-Truppen bis 2014 abzuziehen, sollen Afghanen überall im Land selbst für die Sicherheit sorgen. Auch die Deutschen, die im Norden stationiert sind, wollen „die Rückverlegung“ 2014 umsetzen.

Das Wort benutzt Verteidigungsminister Thomas de Maizière am Dienstag in Masar-i-Scharif, wohin er zu einem Blitzbesuch bei den deutschen Truppen gereist ist. Die Rückverlegung werde kompliziert, warnt er. Nicht nur wegen des vielen Materials, das fortgeschafft werden müsse, 1700 Fahrzeuge und 6000 Container mit Ausrüstung immerhin. Auch die Zahl der Angriffe habe, so der Minister, nach zwei schlimmen Jahren nun wieder das Niveau von 2009. „Das ist immer noch keine stabile Sicherheitslage, aber es ist ein großer Fortschritt“, sagt de Maizière.

„Ein Symbol für die Probleme dieses Krieges“ hat der Fernsehsender CBS das Pesch-Tal genannt. Erst hatten die Amerikaner dort unter großen Verlusten eine Basis in Nangalam errichtet, dann glaubten sie 2010, die Festung an afghanische Truppen übergeben zu können. Die rissen die Kabel heraus, verkauften die Einrichtung, hinterließen eine Ruine. Das soll sich nicht wiederholen.

Combs und seine Gebirgsjäger sehen von ihrem Posten aus nach zehn Minuten erste Schüsse eines Maschinengewehrs der afghanischen Armee. Leuchtspurmunition zischt in die Hügel. Vom Himmel hört man das Dröhnen einer A10 „Warthog“, die in 4000 Meter Höhe über dem Kampfgeschehen kreist. Das Kampfflugzeug ist mit hochauflösenden Kameras bestückt, die jedes Detail am Boden aufzeichnen. Die Besatzung meldet mehrere Wärmepunkte in der Gegend, aus der die Schüsse kamen.

„Vielleicht Ziegen?“, fragt Combs.

„Ziegen mit einem Handy-Signal“, antwortet der Beobachter im Flugzeug.

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