Afghanistan : Die Strategie der Taliban

Die radikal-islamischen Taliban wollen nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste bei ihrer Frühjahrsoffensive in Afghanistan mit einer neuen Guerillataktik gegen die Isaf-Truppen vorgehen.

Berlin/Kabul - "Wie sie aussieht, wissen wir leider bisher nur in Bruchstücken. Aber sie wird uns schwer zu schaffen machen", erklärten Nachrichtendienstler und Isaf-Offiziere in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Vermehrte Selbstmordattentate und gezielte Angriffe aus dem Hinterhalt würden jetzt eine noch größere Rolle spielen, erläuterten Offiziere der Bundeswehr in Berlin.

"Wenn das Wetter warm und die Blätter grün werden, werden wir unsere blutigen Angriffe gegen die von den Amerikanern geführten ausländischen Truppen entfesseln", erklärte der Kommandeur der Talibankämpfer im Süden Afghanistans, Mullah Abdul Rahim. Die Nato rechnet für Ende März oder Anfang April mit dem Beginn der Offensive der Taliban. Ihnen sollen sich nach Darstellung der westlichen Geheimdienste völlig neue Gruppen von Kämpfern aus zahlreichen muslimischen Ländern angeschlossen haben. Sie seien in den Ausbildungslagern der Taliban im Westen Pakistans in die Rebellengruppen "eingereiht" worden.

Taliban sprechen von "100.000 Kämpfern"

Am Hindukusch ist schon der größte Truppenaufmarsch seit dem Ende des Taliban-Regimes vor fünf Jahren voll im Gang. Die Zahl der Isaf-Soldaten aus 37 Ländern ist auf rund 50.000 gestiegen. Dazu kommen 32.000 Mann der afghanischen Armee. Die Taliban wollen an die 10.000 Kämpfer aufbieten. "Aber in Wirklichkeit werden wir aus den Dörfern und den Gebieten, die wir schon beherrschen, mindestens 100.000 Kämpfer zusammenbringen", hatte ein Angehöriger der Taliban einem westlichen Geheimdienstler in Kabul verraten. Die Taliban hätten unter der Bevölkerung "wieder viel Terrain im Kampf gegen die verhassten Ungläubigen zurückgewinnen können", ließ der Vertreter der Taliban wissen.

Offiziere im Nato-Hauptquartier in Brüssel begrüßten vor diesem Hintergrund den geplanten Einsatz deutscher Tornado-Aufklärungsmaschinen, der am Mittwoch zum ersten Mal im Bundestag diskutiert wurde. Allerdings sei "das nur ein Tropfen auf den heißen Stein". Die Offiziere verwiesen auf den angestrebten Strategiewechsel beim Einsatz der Isaf-Truppen.

Woher wussten die Taliban von Cheneys Geheimbesuch?

Die Befehlshaber sollen nach dem Vorschlag der USA die Möglichkeit erhalten, die Soldaten dort gezielt einzusetzen, wo sie gerade in einer gefährlichen Situation besonders gebraucht werden. George W. Bushs Sicherheitsberater Stephan Hadley hatte dafür plädiert, die bisher gültige militärische Aufteilung Afghanistans in fünf von der Nato verwaltete Zonen aufzugeben. Die Bundeswehr ist im vergleichsweise ruhigen Norden stationiert.

Die Kanadier, die mit US-Soldaten, Niederländern und Briten im umkämpften Süden Afghanistans gegen die Taliban kämpfen, wollen jetzt schwere Panzer auffahren. Sie haben 20 der modernsten Leopard "A6M"-Panzer von der Bundeswehr für zwei Jahre geleast. Die Panzer haben einen wesentlich verbesserten Schutz gegen Minen erhalten. Die Niederländer sind gegen die Taliban mit der Panzerhaubitze 2000 angetreten. Die Bundeswehr hat im Norden Afghanistans in ihrem Stützpunkt Mazar-i-Sharif Schützenpanzer vom Typ "Marder 1 A5" in Position gebracht.

Den Isaf-Offizieren macht bei der bevorstehenden Offensive der Taliban eine mögliche Unterwanderung der afghanischen Sicherheitskräfte und Streitkräfte große Sorgen. Dieses Problem wurde am Dienstag offenbar, als sich vor dem US-Stützpunkt Bagram ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, um den amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney zu ermorden. Cheneys Besuch in Bagram war streng geheim. "Wir wussten, dass sich Cheney in Bagram aufhielt", teilte ein Taliban-Sprecher mit. Die bange Frage der Isaf-Offiziere lautet: "Woher wussten die Taliban das?" (tso/ddp)

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