Afghanistan : "Die Wahl ist eh nur Show"

Zwischen MP3-Playern, Handys und Wasserpfeifen: Was ein Verkäufer auf dem Markt von Masar-i-Scharif über Präsident Karsai denkt.

Moritz Honert[Masar-i-Scharif]

Die Kroaten sind so etwas wie die Afghanen Europas. Sagt zumindest Nawid Mijid. „Wenn morgens am Haupttor vom Camp Marmal ein deutscher Soldat Dienst hat, den ich kenne, werde ich kontrolliert“, erzählt der junge Afghane. Eine Stunde muss er dann manchmal warten, bis er auf dem Marktplatz des Militärstützpunkts im Norden Afghanistans seinen Laden aufschließen kann. „Steht da ein kroatischer Soldat, mit dem ich befreundet bin, winkt er mich durch“, sagt Mijid. Dass würde ein Afghane nicht anders machen. Die kulturelle Parallele amüsiert ihn sichtlich.

Seit einem Jahr verkauft der 21-Jährige mit den dunklen Locken im Camp Marmal Elektronikartikel an die Soldaten. Drei mal zwei Meter groß ist sein Container. In einer Ecke steht ein Fernseher, aus dem afghanische Popmusik scheppert. Ein Sänger namens Mirwas schmachtet von der Liebe.

In den Regalen stapelt sich die Ware bis unter die Decke. MP3-Player für nicht einmal zehn Euro hat Mijid im Angebot, iPhones für ein Zehntel des Marktpreises. Kopfhörer, Boxen, Taschenlampen, Wasserpfeifen. Im Container nebenan verkauft er Nippes. Wenn die Tornados beim Starten und Landen vorbeidonnern, fällt manchmal etwas aus dem Regal. Vor der Tür steht ein großer Ständer mit bunten Aufnähern und militärischen Abzeichen, links und rechts davon rund 40 Buden mit ähnlichem Angebot. Ein paar Händler haben sich auch auf Teppiche spezialisiert. Der junge Geschäftsmann warnt allerdings vor all zu viel Euphorie angesichts seiner Spottpreise. Die Elektronikartikel seien allesamt aus China und hielten nicht lange. Die Soldaten hier im Camp wüssten das. Vielen sei das jedoch egal. Gehe etwas kaputt, dann tausche er es eben um.

Rund zwei Dutzend Händler mit je zwei Verkaufscontainern gibt es derzeit im Camp Marmal. Rund 2500 Soldaten aus 14 Nationen managen von hier aus die komplette Logistik des Regionalkommandos Nord. Zwei Drittel von Ihnen sind Deutsche. Im Camp Warehouse in Kabul gibt es einen ähnlichen Markt. In den kleineren Lagern in Kundus und Faisabad gibt es nur einmal in der Woche die Möglichkeit, bei den Einheimischen zu kaufen. Mijid zahlt in Masar-i-Scharif zehn Euro im Monat Miete für einen Lagercontainer. „Guter Deal“, sagt er. Trinkwasser und Strom bekommt er gratis dazu.

Den ersten Markt dieser Art gab es 2002 im Nato-Hauptquartier in Kabul. Dahinter standen gleich mehrere Motive. Zum einen soll den Soldaten, die aus Sicherheitsgründen das Lager monatelang nicht verlassen dürfen, eine Möglichkeit zum Shoppen geboten, zum anderen auf diesem Wege Geld ins Land gepumpt werden. Positiver Nebeneffekt: die Soldaten und Einheimischen kommen in Kontakt und können sich ein wenig austauschen.

Zumindest was Mijid angeht, scheint die Idee aufzugehen. „Die Leute in der Stadt haben Angst vor den Soldaten“, erzählt er. „Die sehen nur die Waffen und gepanzerten Patrouillen und denken, die Militärs seien hier, um sie zu töten.“ Jeder Afghane kenne Geschichten von getöteten Zivilisten, sagt er. Wenn er dann Fotos von sich und den Soldaten zeigt, die bei ihm einkaufen und mit ihm gemeinsam Tee trinken, dann seien die Leute immer ganz baff. Irgendwann könne er vielleicht auch mal Besuch aus dem Lager mit zu sich nach Hause nehmen. „Momentan ist das leider noch zu unsicher.“

Insgesamt sei in den letzten Jahren die Situation jedoch wesentlich besser geworden. Auch wegen er Soldaten. „Die Zeit unter den Taliban war schlimm. Schon fürs Fernsehgucken kam man ins Gefängnis“, sagt Mijid und wirft einen wehmütigen Blick auf seinen Apparat, auf dem immer noch knallbunte Videoclips laufen. Auch dass er sich heute selbst eine Frau suchen kann, ohne seine Eltern zu fragen, findet er sehr befreiend. Bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen will er deshalb für den amtierenden Präsidenten Hamid Karsai stimmen. Auch wenn er sich, was den Demokratisierungsprozess in seinem Land angeht, noch reichlich skeptisch zeigt. „Eigentlich ist auch egal, für wen ich stimme. Die Wahl ist eh nur Show“, sagt er. Dass Karsai gewinnt, steht für ihn fest.

Dann nähern sich zwei Kunden dem Laden. „Hoffentlich Norweger“, sagt Mijid. „Die schwimmen nämlich im Geld.“ Kürzlich hätte er für einen von ihnen zehn Aufnäher gemacht. Viele Soldaten lassen sich Abzeichen als Erinnerungen anfertigen. Beim Abholen hatte Mijid gefragt, was er ihm denn dafür anbieten würde. Der Norweger schlug 250 Euro vor. Mijid schluckte – und akzeptierte. „War ein gutes Geschäft“, sagt er und grinst. 250 Euro verdienen manche Afghanen im Jahr.

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