Politik : Afghanistan: Die Zeit wird knapp

Rainer Woratschka

Für die Helfer hat der Wettlauf mit der Zeit begonnen. "Wir müssen", so sagt Jörn Kalinski, "jetzt bis zu sechs Millionen Menschen über den Winter bringen." Kalinski ist Projektverantwortlicher des deutschen Ablegers der Hilfsorganisation "Oxfam International", die vor dem 11. September ein Nahrungsmittel-Hilfsprogramm für 700 000 Afghanen unterhielt. Es sei "absolut dringend, dass die Lieferungen wieder aufgenommen und noch intensiviert werden", sagt er. Pro Monat, so haben Experten des UN-Welternährungsprogramms (WFP) vorgerechnet, benötigt das von Krieg und Dürre zermürbte Land etwa 55 000 Tonnen Lebensmittel. Und schon im Oktober sinken die Temperaturen in den Bergen auf bis zu 20 Grad Minus. Kalinski: "Wenn dann im November Schnee fällt, sind die Menschen dort völlig abgeschnitten."

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Selbst wenn die US-Angriffe weitergingen, so Kalinskis Folgerung, müsse man mit dem Regime über Hilfslieferungen verhandeln. "Es gibt keine Alternative." Die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) sieht das genauso. "Was wir brauchen, ist, dass man uns Zugang über die Grenzen gewährt", sagt Erhard Bauer, der Chef der DWHH-Programme in Afghanistan. Dazu bedürfe es Absprachen mit den Taliban und der Nordallianz. Die Machthaber müssten den Helfern freies Geleit gewähren, allein durch Luftangriffe seien keine sicheren Korridore zu schaffen.

Seit drei Jahren hat es in Afghanistan nicht mehr geregnet, seit 20 Jahren herrscht Krieg. "Viele leben nur noch von Tee und Wurzeln", berichtet Kattrin Lempp. Dabei, so die Sprecherin der Organisation "Ärzte ohne Grenzen", habe man im Nachbarland Pakistan Hilfsgüter für bis zu 150 000 Menschen vorrätig. Hocheiweißreiche Kekse, Trinkwasser, Medikamente. "Wir sitzen in Wartestellung", sagt Lempp, "wir können nur hoffen, dass die Grenze wieder geöffnet wird."

Bis dahin können die Organisationen wenig tun. Aus Afghanistan selber wurden sämtliche internationalen Helfer abgezogen, lediglich in den Gebieten der Nordallianz laufen einige Programme weiter. Nicht einmal das Internationale Rote Kreuz (IKRK) konnte ausländische Kräfte im Land halten. Allerdings, so versicherte IKRK-Präsident Jakob Kellenberger am Dienstag dem deutschen Außenminister, sei man mit rund 1000 einheimischen Mitarbeitern "aktionsfähig", sechs Kliniken würden noch unterhalten.

Das WFP hat seine Hilfstransporte seit Montag ausgesetzt. Zwei Konvois waren allerdings noch unterwegs, der erste mit 240 Tonnen Getreide erreichte am Montagabend die afghanische Hauptstadt. Ein weiterer Konvoi mit weiteren 500 Tonnen Getreide hat am Sonntag die westpakistanische Stadt Quetta verlassen, er wird am Donnerstag in Kabul erwartet. Eine neuen Anlauf, allerdings über die iranische Grenze, hat bislang nur das UN-Kinderhilfswerk Unicef unternommen. Am Dienstag seien sieben Lkw mit Decken und 30 Tonnen Medikamenten nach Afghanistan aufgebrochen, teilte die Organisation mit. Über Pakistan indessen gehe nichts mehr.

Viel zu spät, so kritisiert die Welthungerhilfe, habe die Weltgemeinschaft auf die Not in Afghanistan reagiert. Als die Grenzen offen waren, fehlte es an Spenden. Die Hilfskoordinatorin Bärbel Krumme von Caritas international sagt es drastisch. Um das Elend in Afghanistan zu bemerken, habe es erst des fürchterlichen Anschlags bedurft.

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