Politik : Afghanistan: Drei von 13 Millionen - Kaum Frauen auf dem Petersberg

Barbara-Maria Vahl

Die hohe Diplomatie kennt keine Quote - auch nicht, wenn es um die unterdrückten Frauen in Afghanistan geht. Man darf deshalb gespannt sein, wie viele Frauen auf dem Petersberg bei Bonn mit am Konferenztisch sitzen. Werden es, wie die Gästeliste ankündigt, drei sein? Drei von 13 Millionen Afghaninnen insgesamt? Darunter Amina Safi Afzali, 43, die seit 20 Jahren für Frauenrechte kämpft, als einzige weibliche Repräsentantin unter elf Vetretern der Nordallianz. Sie hofft, "dass die Konferenz die Weichen dafür stellen wird, dass Frauen meines Landes künftig in allen Lebensbereichen angemessene Rollen übernehmen können".

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Am 15. November, einen Tag nach der Befreiung Kabuls, gingen Fotos um die Welt, prangten auf fast allen Titelseiten: afghanische Frauengesichter, die, vom Schleier befreit, unsicher in die neue Freiheit schauten. Und danach erhob es sich wie ein Wirbelsturm: Von überall kam die Verdammung der Taliban, die Frauen quälen und knechten. Ab jetzt, so die Forderung, müssten die Frauen gleiche Rechte erhalten. Die amerikanische Präsidentengattin Laura Bush sagte das in einer Radio-Ansprache. Das State Department in Washington gab einen entsprechenden Report heraus, kernige Sätze zur gewünschten Rolle der afghanischen Frauen im "Post-Taliban-Prozess" waren zu hören. Aber warum eigentlich erst jetzt?

Diese Frage haben sich nicht nur Frauen gestellt, die der Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (Rawa) angehören, einer 1977 in Kabul gegründeten Frauenbewegung, die für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und gegen die fundamentalistischen Taliban kämpft. Rawa-Aktivistinnen versuchen schon seit langem, mit aus dem Land geschmuggelten Tonbändern und Videos die Aufmerksamkeit der Welt für die afghanischen Frauen zu gewinnen. Rawa hat auch darüber berichtet, dass viele Frauen unter Lebensgefahr heimlich in ihren Wohnungen Mädchen unterrichtet haben. Nach 22 Jahren Krieg, drei Dürrejahren und fünf Jahren Taliban leben allein in Kabul 50 000 Witwen, und alle 15 Minuten stirbt eine Frau im Wochenbett.

1977 waren 15 Prozent aller Juristen in Afghanistan Frauen. Um 1990 stellten sie 70 Prozent der Lehrer und 40 Prozent der Ärzte. Mit dieser Schilderung forderte Angela King, UN-Beauftragte für Gleichberechtigung, letzte Woche in New York "Frauen als gleichwertige Partner an den kommenden Entscheidungen am Friedens-Verhandlungstisch zu beteiligen".

"Afghanistan war nie Schweden", schreibt am 24. November ein Kommentator der New York Times, der daran erinnert, dass auch früher "Freiheiten hauptsächlich einer kleinen städtischen Mittelschicht" möglich waren. Frauen auf dem Land dagegen würden auch jetzt nur langsam vom Sturz der Taliban profitieren, denn Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen habe es dort nie gegeben, und es werde lange dauern, bis sie dorthin kommen. Auch 1990, vor den Taliban, besuchte nur ein Fünftel aller Mädchen eine Schule, und ungefähr nur 35 Prozent aller Jungen. Darauf verweisen Statistiken.

In Afghanistan gab es letzte Woche bereits einen Vorgeschmack darauf, was es bedeutet, wenn Frauen sich wehren. Mehrere hundert Frauen demonstrierten am Dienstag in Kabul für Frieden, Ausbildung für ihre Kinder und Macht für sie selbst. Als ihre Demonstration "aus Sicherheitsgründen", wie es hieß, abgebrochen wurde, kündigten die Organisatorinnen - Leiterinnen bisher geheimer Frauenrechtsorganistionen - an: "Wir kommen wieder!" In Herat forderten 60 Frauen in Sandalen und ohne Schleier - beides bisher verboten - Ausbildung für Mädchen und Frauenrechte. Als der zuständige Generalgouverneur ihnen einen Unterrichtsbeginn für Mädchen für das Frühjahr zusagte, widersprachen sie: "Nein - sofort!" Als er ihnen 25 000 Dollar für den Bau von Mädchenschulen in Aussicht stellte, lehnten sie ab. Zu wenig.

Aber Menschenrechtsgruppen warnen schon: "Vorsicht", so Amnesty International, "wenn die Nordallianz es übernehmen will, Frauen ihren Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Sie hat Frauen ähnlich unterdrückt, gefoltert und entrechtet wie die Taliban." Die in New York ansässige "Womens Commission for Refugee Women and Children" drängt darauf, die internationale Gemeinschaft solle schnell eine Friedenstruppe nach Afghanistan schicken. Nur sie könne den Frauen die volle Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte und ihrer zurückgewonnenen bescheidenen Freiheiten sichern und die Nordallianz darauf kontrollieren, ob sie internationales Recht einhalte. Anderenfalls fürchte man, so Sprecherin Mary Diaz, "eine Wiederkehr der unter den Taliban systematisch ausgeübten Unterdrückung". Es bestehe zudem die Gefahr neuer interner Kämpfe, bevor eine neue Regierung sich stabilisiert habe. Vergewaltigungen und die Misshandlung von Zivilisten seien in Konfliktregionen immer an der Tagesordnung gewesen und der Zusammenbruch der Taliban habe in einigen Regionen bereits neue Gewalt freigesetzt.

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