Afghanistan : Drogenproduktion auf neuem Rekordhoch

Afghanistans Vizepräsident Ahmad Sia Massud hat der internationalen Gemeinschaft Versagen im Kampf gegen den Drogenhandel in seinem Land vorgeworfen. Nutznießer seien auch die Taliban.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Die Maßnahmen gegen den Drogenhandel müssten verschärft werden und in die Hände der afghanischen Regierung übergehen, forderte Massud in der britischen Wochenzeitung „The Sunday Telegraph“. Er habe keine Zweifel an den guten Absichten Großbritanniens und der internationalen Gemeinschaft, und Kabul sei dankbar für die Unterstützung, schrieb der stellvertretende Staatschef. „Aber es ist jetzt klar, dass Ihre Strategie im Süden unseres Landes vollkommen fehlgeschlagen ist.“

Massud kritisierte, dass die Maßnahmen nicht in den Händen Kabuls lägen. „Opiumanbau ist ein afghanisches Problem und erfordert eine afghanische Lösung“, schrieb er im „Sunday Telegraph“. Die Opiumbekämpfung sei von grundlegender Bedeutung für die Sicherheit und die Zukunft Afghanistans, schrieb Massud. „Das Opium unterstützt unmittelbar diejenigen, die afghanische und internationale Soldaten töten“, warnte er.

Wie aus dem aktuellen in Kabul vorgelegten Bericht des UN-Büros für Drogen und Kriminalität (UNODC) hervorgeht, blüht die Opiumproduktion in Afghanistan sechs Jahre nach dem Sturz der Taliban wie nie zuvor. Von dem Drogengeld profitieren nicht zuletzt die Taliban, die damit Waffen und Söldner bezahlen. „Diese Symbiose, die Verbindung von Drogenproduktion und Aufstand, bildet die größte Bedrohung für die Regierung Afghanistans und sogar für das Überleben des ganzen Landes“, warnte UNODC-Chef Antonio Maria Costa.

Auch millionenschwere Anti-Drogen-Programme und die Präsenz internationaler Truppen haben die Drogenproduktion nicht eingedämmt. In den vergangenen sechs Jahren ist der Schlafmohnanbau jedes Jahr gestiegen. 2007 wird eine neue Rekordernte erwartet. Die Produktion von Opium, dem Grundstoff für Heroin, wird laut UNODC um weitere 34 Prozent auf 8200 Tonnen hochschnellen. Afghanistan sei heute fast der alleinige Lieferant der tödlichsten Droge der Welt und bestreite 93 Prozent der globalen Opiumproduktion. „Seit China im 19. Jahrhundert hat kein anderes Land Betäubungsmittel in so tödlichem Ausmaß produziert.“

Vor allem im unruhigen, umkämpften Süden des Landes hat die Drogenproduktion dramatisch zugenommen, im stabileren Norden ging er dagegen deutlich zurück. Die kleine Provinz Helmand mit nur 2,5 Millionen Einwohnern, die an Pakistan grenzt, sei inzwischen die „weltweit größte Quelle illegaler Drogen“. Hier würden inzwischen mehr illegale Drogen produziert als in Ländern wie Kolumbien. Nutznießer des Drogengeschäfts sind nicht zuletzt die Taliban, die in Südafghanistan ganze Landstriche unter ihrer Kontrolle haben und mit dem Drogengeld ihren Kampf finanzieren.

Costa machte vor allem Korruption für die Misere verantwortlich. Hilfsgelder für Programme, die den Bauern den Ausstieg aus dem Drogenanbau ermöglichen sollen, würden fehlgeleitet oder blieben ungenutzt. Ein Teil der Gelder versickere in den Taschen westlicher Berater oder Vertragsfirmen. Ein anderer Teil des Geldes werde schlicht nicht abgerufen, weil es die mächtige Drogenmafia verhindere. Deren Arme reichten auch in Regierung und Staatswesen.

Laut Costa haben die internationalen Geberländer der Regierung 100 Millionen Dollar für Anti-Drogen-Programme gegeben. Aber nur 2,5 Prozent des Geldes seien bisher genutzt worden. Das bedeute, dass „ungefähr 97 Millionen Dollar herumliegen“, sagte Costa der Agentur Reuters. Umgekehrt machten die Gewinne aus dem illegalen Drogengeschäft etwa drei Milliarden Dollar aus – und würden auch zur Bestechung von Beamten benutzt. Der UNODC-Chef rief die afghanische Regierung auf, härter gegen Korruption vorzugehen. Zugleich appellierte er an die internationale Gemeinschaft, ihre Anstrengungen in Afghanistan zu verstärken. Insbesondere die Nato, die die internationale Schutztruppe Isaf führt, müsse im Anti-Drogen-Kampf aktiv mithelfen. Das sei in ihrem eigenen Interesse, da die Taliban mit den Drogen ihren Kampf finanzierten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben