Politik : Afghanistan: Ein Land in Auflösung

Elke Windisch

Die Macht sei leicht zu erobern, aber schwer zu behaupten, wusste schon Lenin. Mit Afghanistan verhält es sich ähnlich. In dem Land leben vier Volksgruppen eher schlecht als recht zusammen: Im Norden Tadschiken und Usbeken, im zentralen Bergland die Hazará und im Süden die Paschtunen, deren Eliten das Land seit dem 18. Jahrhundert regierten. Mitten durch deren Siedlungsraum zogen die Briten rund hundert Jahre später die Grenze zwischen der Kronkolonie Indien und dem fortan abhängigen Königreich Afghanistan. Hier wie auch in Pakistan waren die Paschtunen später eine Minderheit, eine zunehmend militante, die Moskau nach der Intervention den Dschihad - den Heiligen Krieg - aufzwang.

1986 blies Gorbatschow zum Rückzug, 1989 rollte der letzte Sowjet-Panzer heimwärts. Im März 1992 übernahm in Kabul die so genannte "Allianz der Siebener" die Macht. Deren Führer waren die Protagonisten des Widerstands - Ahmad Schah Massud, neben Präsident Burhanuddin Rabbani wichtigster Exponent der tadschikischen Minderheit, und Paschtunenführer Gulbuddin Hekmatyar. Doch das Bündnis zerbrach sieben Monate später am Zwist der Ethnien: Premier Hekmatyar lieferte seinem Präsidenten blutige Schlachten, die mit der Quasi-Teilung Afghanistans endeten.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Das rief 1995 die Taliban auf den Plan - fanatisierte pakistanische Studenten paschtunischer Herkunft und afghanische Paschtunen, die nach Pakistan geflüchtet waren. Zunächst räumten sie mit Hekmatyar auf, der ihre Erwartungen - die Wiederherstellung der Paschtunenherrschaft - nicht erfüllt hatte. 1996 vertrieben sie Rabbani und Massud aus Kabul. Reste der Regierungstruppen sind heute der Kern der Taliban-Gegner - der Nordallianz, die momentan rund 10 Prozent des Landes kontrolliert. Deren Schicksal aber steht nach dem Tod Massuds in den Sternen. Allein dessen Autorität hielt das heterogene Bündnis zusammen. Auch im Lager der Paschtunenführer ist kein gesamtnationaler Integrator in Sicht.

Eine Lösung hätte ein Friedensplan von Ex-Premier Hekmatyar bringen können: Ihm hatte der gemäßigte Flügel der Taliban um Außenminister Ahmad Waqil Mutawaqil im Frühjahr den Vorsitz in einer aus Taliban und Nordallianz paritätisch zusammengesetzten Übergangsregierung angeboten, die bis zu freien Wahlen unter internationaler Aufsicht im Amt bleiben und bis dahin Talibanführer Mullah Muhammad Omar als Interimspräsidenten anerkennen sollte. Die USA und Pakistan hintertrieben den Plan, weil Hekmatyar von Iran abhängig ist, das ihm Asyl gewährt. Die UN klammern sich an ein weiteres Phantomprojekt: Ex-König Zakir Schah wäre demnach die Integrationsfigur, doch der 86-Jährige, der seit 1973 in Rom lebt, wäre nur noch in der Lage, Dekrete derer zu unterschreiben, die in seinem Namen regieren.

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