Politik : Afghanistan: Ein neues Gesicht für Afghanistan

Ulrike Scheffer

Der schnelle Vormarsch der afghanischen Nordallianz setzt die Weltgemeinschaft unter Druck. Nun muss sie zeigen, dass sie den Wiederaufbau Afghanistans ernsthaft unterstützen will. Lakhdar Brahimi, der UN-Sonderbeauftragte für die Region, legte dem Weltsicherheitsrat in der Nacht zum Mittwoch einen Fünf-Punkte-Plan für die Zukunft des Landes vor. Danach soll zunächst ein provisorischer Rat afghanischer Persönlichkeiten gebildet werden, der entweder selbst oder durch die Ernennung einer Übergangsregierung den Wiederaufbau des Landes auf den Weg bringen soll. Nach spätestens zwei Jahren soll eine vorläufige "Loya Jirga", eine Versammlung aller afghanischen Stämme, über eine Verfassung beraten und die eigentliche Nationalversammlung vorbereiten - die dann über eine neue Regierung abstimmt. Eine internationale oder gesamtafghanische Friedenstruppe soll den Prozess absichern.

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Von Pakistan aus versuchen Brahimis Mitarbeiter nun, die Pläne in die Tat umzusetzen. "Die Entwicklung hat natürlich auch uns überrascht, aber die Vorbereitungen für ein Treffen der wichtigsten afghanischen Gruppen sind auf einem guten Weg", sagte Thomas Ruttig von der UN-Sondermission dem Tagesspiegel. Schon in der nächsten Woche könnten erste Gespräche geführt werden. Teilnehmen wollen daran Vertreter der Nordallianz und des früheren afghanischen Königs Sahir Schah, der am Mittwoch mitteilte, er werde bald nach Afghanistan zurückkehren. Die UN sind optimistisch, auch Vertreter der einflussreichen Paschtunen-Stämme an den Verhandlungstisch zu bringen, die bisher dem Taliban-Lager zugerechnet wurden. "In vier bis fünf paschtunischen Provinzen haben inzwischen Volksräte die Macht übernommen. Sie haben uns signalisiert, dass sie mit dem König zusammenarbeiten wollen," sagte Ruttig.

Die Auflösungserscheinungen in den Reihen der Taliban sind auch in Pakistan spürbar. Die afghanische Botschaft der Taliban, die während der gesamten Krise als Sprachrohr des Taliban-Führers Mullah Omar fungierte, wurde am Mittwoch verlassen vorgefunden. Botschafter Abdul Salam Saif habe sich offenbar abgesetzt, berichten die Mitarbeiter der UN-Mission. Mullah Omar soll seine Anhänger indes aufgefordert haben, nach Pakistan zu fliehen, um von dort aus einen Gegenangriff vorzubereiten. Die pakistanische Regierung und die Hilfsorganisationen müssten dafür sorgen, dass keine Kämpfer in den Flüchtlingslagern Unterschlupf fänden, sagt UN-Vertreter Ruttig.

Die Vereinten Nationen arbeiten auch daran, die Hilfe für die afghanische Bevölkerung auszuweiten. Der stellvertretende Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms (WFP), Jean-Jacques Graisse, sprach am Dienstag und Mittwoch in Berlin vor, um die Bundesregierung um Unterstützung zu bitten. 16 Millionen Mark hat das Entwicklungsministerium dem WFP für die kommenden sechs Monate zugesagt, weitere Mittel soll das Auswärtige Amt beisteuern. "Die Zeit drängt, sechs Millionen Menschen müssen versorgt werden", sagte Graisse dem Tagesspiegel. In den vergangenen Tagen weigerten sich viele vom WFP beauftragten Transportunternehmen aus den Nachbarländern allerdings, nach Afghanistan zu fahren. "Die Lage ist zu unübersichtlich", so Graisse. Mit der Nordallianz werde die Arbeit der Helfer ohnehin nicht einfacher, statt mit einer Gruppe müsse nun mit einzelnen Kriegsherren verhandelt werden. "Letztlich will aber niemand seine Bevölkerung verhungern lassen", zeigte sich Graisse am Mittwochmorgen optimistisch. Wenige Stunden später meldete Unicef, in Masar-i-Scharif hätten Soldaten der Nordallianz den Fahrer eines Hilfskonvois erschossen.

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